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Von Zigeunermelodien zu Meisterwerken

Von Zigeunermelodien zu Meisterwerken: Der Weg der Ungarischen Tänze

Von Zigeunermelodien zu Meisterwerken
Brahms ungarische Tänze sind ein wahres musikalisches Phänomen – er komponierte gleich 21 Tänze im Stil ungarischer Folklore. Diese Werke gehören zu seinen effektvollsten und eingängigsten Kompositionen. Wenn wir heute über ungarische Musik sprechen, denken wir oft zuerst an diese mitreißenden Melodien.

Was viele nicht wissen: Die ungarische Musik hat eine faszinierende Geschichte. Tatsächlich hielt Franz Liszt die geigenspielenden Zigeuner für die eigentlichen Schöpfer der ungarischen Nationalmusik. Die Zigeunermusik basiert bis heute auf ungeschriebener Überlieferung, und Improvisation ist ihr von Natur aus eigen. Auch andere bedeutende Komponisten wie Zoltán Kodály wurden stark von ungarischen Musiktraditionen beeinflusst und machten sich besonders durch Vokal- und Chormusik sowie einige Orchesterwerke einen Namen. In diesem Artikel möchte ich euch den Weg von den ursprünglichen Zigeunermelodien bis zu den weltberühmten ungarischen Tänzen von Johannes Brahms näherbringen.

Die Ursprünge: Volksmusik und Zigeunermelodien

Gypsy violins book
John Brenkacs Hungarian Gypsy Orchestra. Unbekannter Autor, via Wikimedia Commons

Die ungarische Volksmusik hat tiefe Wurzeln, die weit in die Geschichte zurückreichen. Wer die Ungarischen Tänze von Brahms wirklich verstehen möchte, muss zunächst einen Blick auf ihre musikalischen Ursprünge werfen. Interessanterweise stammen die Magyaren wahrscheinlich von den ugrischen Völkern aus dem Wolgagebiet und jenseits des Uralgebirges ab, eine Völkerwanderung, die vor über 2.000 Jahren begann und 896 die Karpaten erreichte.

Die Rolle der ungarischen Sprache im Rhythmus

Der charakteristische ungarische Rhythmus basiert auf einer Besonderheit: In der ungarischen Sprache wird stets die erste Silbe eines Wortes betont. Dieser abtaktige statt auftaktige Betonungsmuster prägt die Musik fundamental. Besonders auffällig sind die punktierten Rhythmen, die als direkte Reaktion auf diese ungewöhnlichen Betonungsmuster entstanden. Diese rhythmische Eigenart verleiht der ungarischen Musik ihre unverwechselbare Dynamik und war später auch in Brahms‘ Ungarischen Tänzen deutlich zu hören.

Pentatonik und Parlando-Rubato-Stil

Die älteste Schicht ungarischer Volksmusik zeichnet sich vor allem durch vier Eigenschaften aus, wobei die Pentatonik besonders hervortritt. Diese fünfstufige Tonleiter ohne Halbtonintervalle ermöglicht eingängige Melodien, bei denen jeder Ton mit jedem anderen harmoniert. Ein klassisches Beispiel für die ungarische Pentatonik ist „Ropulj Pava“ (Fliege Pfau, flieg), das vielen Ungarn aus Schulliederbüchern bekannt ist.

flieg pfau flieg

Darüber hinaus prägt der Parlando-Rubato-Stil die traditionelle ungarische Musik. Dieser Stil zeichnet sich durch freie, sprachähnliche Rhythmen aus und verleiht den Melodien eine natürliche, fließende Qualität. Die Quintverschiebung, bei der eine vier- oder achttaktige Phrase eine Quinte tiefer wiederholt wird, ist ebenfalls ein typisches Merkmal.

Instrumente wie Zymbal und Geige

In der ungarischen Volksmusik spielen bestimmte Instrumente eine zentrale Rolle. Das Zymbal, ein mit Saiten bespanntes Brett, das mit Schlägeln bespielt wird, hat in Rumänien, Ungarn, der Slowakei und Südmähren bis heute eine bedeutende Position. Zu einem typischen Zymbal-Trio gehören eine Violine und ein Kontrabass. Modernere Varianten des Instruments wurden ab 1870 gebaut.

Besonders in den Zigeunerkapellen war die Geige das wichtigste Melodieinstrument, begleitet von einer zweiten Geige, Bratsche, Bass und Zymbal. Typisch für die Zigeunermusik ist auch das Glissando- oder Portamento-Spiel auf der Geige, das Hinüberziehen eines Tones in den nächsten, welches bis heute als Markenzeichen des Zigeunergeigers gilt.

Unterschiede zwischen Dorfmusik und städtischer Musik

Ein entscheidender Unterschied besteht zwischen der authentischen Dorfmusik und der städtischen Musik. Die Stücke im alten Stil wurden üblicherweise von bäuerlichen Amateurmusikern gespielt, meist auf Flöten, Pfeifen oder Dudelsäcken. Diese Musiker spielten meist solo, und die Stücke waren dieselben wie die Vokalstücke – es gab keinen Unterschied zwischen Vokal- und Instrumentalmusik.

Die Musik im neuen Stil hingegen wurde größtenteils von professionellen oder semiprofessionellen Roma-Musikern gespielt, oft in größeren Ensembles. Die städtischen Zigeunerkapellen spielten meistens eine seichtere Art volkstümelnder Kunstmusik, während in ländlichen Gebieten das von Dudelsackpfeifern übernommene Volksmusik-Repertoire erhalten blieb.

Diese musikalische Vielfalt bildete den Nährboden, aus dem später Komponisten wie Liszt, Brahms, Bartók und Kodály schöpfen konnten, um ihre berühmten ungarisch inspirierten Werke zu schaffen.

Zigeunermusik als Brücke zur Kunstmusik

Debrecen 1955 Gypsy Music
Debrecen 1955 Gypsy Music. Foto: Fortepan / Nagy József, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Musik der Roma spielte eine entscheidende Rolle als Verbindung zwischen Volksmusik und klassischer Kunstmusik. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert verwandelten Roma-Musiker einfache Volksmelodien in virtuose Kunstwerke, die später große Komponisten wie Brahms zu ihren ungarischen Tänzen inspirierten.

Was ist Verbunkos?

Der Verbunkos ist ein ungarischer Tanz- und Musikstil, der im 18. Jahrhundert entstand. Der Name leitet sich vom deutschen Wort „werben“ ab, da diese Musik ursprünglich bei der Anwerbung von Soldaten für die österreichisch-ungarische Armee gespielt wurde. Diese Vorführungen bestanden aus mehreren Tänzen – von würdevoll bis jugendlich ausgelassen – begleitet von Musik, die sich in Tempo und Brillanz stetig steigerte.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts löste sich der Verbunkos von seiner militärischen Funktion und entwickelte sich zu einem eigenständigen Musikstil, der maßgeblich durch die charakteristische Vortragsweise der Roma-Musiker geprägt wurde. Dadurch wurde der Verbunkos zur Grundlage des Csárdás, eines typisch ungarischen Tanzes, der weit über Europa hinaus bekannt wurde.

Improvisation und Virtuosität der Zigeunerkapellen

Die Zigeunerkapellen spielten hauptsächlich in der Besetzung Geige, Zymbal und Bass. Ihr Markenzeichen war das Improvisieren über Verbunkos- oder Csárdás-Melodien. Diese Improvisationen folgten einem charakteristischen Muster: Ein langsamer Teil (lassú oder lassan) in punktierten Rhythmen wird von einem schnellen, virtuosen Abschnitt (friss oder friska) abgelöst.

Die große Virtuosität der Roma-Musiker und die Leidenschaft ihres Vortrags machten ihre Musik außerordentlich populär. Der französische Komponist Claude Debussy traf 1910 in Budapest den ungarischen Roma-Musiker Bela Radics und schrieb über dessen Spiel: „Er eröffnet den Seelen jene spezielle Schwermut, die wir nur selten erleben können und entreißt ihnen alle Geheimnisse“.

Die Rolle der Zigeuner im 18. und 19. Jahrhundert

Nicht lange nach der Ankunft der Roma in Ungarn begannen sie, an den renommiertesten königlichen Höfen Musik zu machen. Antonio Bonfini, italienischer Humanist und Dichter, dokumentierte, dass Roma sowohl am Hofe von Beatrice von Aragon als auch am Hofe des Erzbischofs von Esztergom für Unterhaltungsmusik sorgten.

Im 19. Jahrhundert erlebte die Roma-Musik eine besondere Blüte. Die Roma waren in Ungarn weniger gesellschaftlich isoliert als anderswo. Da das Musizieren als Unterhaltung im alten Ungarn oft verachtet wurde, bot sich den Roma hier eine besondere Möglichkeit zur Sicherung ihres Lebensunterhalts. Eine paradoxe Situation entstand: Die außerhalb der Gesellschaft stehenden Roma, die über Jahrhunderte diskriminiert wurden, wurden nun, vor allem in Literatur und Oper, zu einem bewunderten Topos.

Kritik von Bartók an der ‚Zigeunermusik‘

Béla Bartók nahm später eine kritische Haltung gegenüber dem ein, was allgemein als „Zigeunermusik“ bezeichnet wurde. Er schrieb 1931: „Was sie Zigeunermusik nennen, hat nichts mit Zigeunermusik zu tun. Das ist keine Zigeunermusik, sondern ungarische Musik, eine neuere ungarische, volkstümliche Kunstmusik“.

Bartók kritisierte, dass die Roma-Musik „die Bedürfnisse jener befriedige, die über wenig künstlerisches Feingefühl verfügen“ und „dazu bestimmt sei, unentwickelte Musikgeschmäcker zu erfreuen“. Allerdings scheint er sich mit der Zeit über die vermeintliche Bedrohung der ungarischen kulturellen Identität durch Roma-Musiker nicht mehr so sicher gewesen zu sein.

Zigeunermusik als Inspirationsquelle für Komponisten

Die Musik der Roma hatte einen enormen Einfluss auf europäische Komponisten. Bereits Joseph Haydn komponierte „all’ongarese“, wie der Finalsatz seines D-Dur-Klavierkonzerts beweist. In Wien lebende Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert kamen mit dieser Musik in Berührung, da sie in Wien allgegenwärtig war.

Johannes Brahms entwickelte während seines gesamten Lebens eine starke Affinität zum ungarischen Zigeunerstil. Im Alter von nicht einmal zwanzig Jahren wurde er zum Klavierbegleiter des ungarischen Geigenvirtuosen Ede Reményi. Auf Konzertreisen spielten sie Arrangements verschiedener ungarischer Roma-Lieder. Diese Erfahrungen beeinflussten später Brahms‘ berühmte „Ungarische Tänze„, die zu seinen beliebtesten Werken gehören.

Franz Liszt, selbst gebürtiger Ungar, brachte als einer der ersten das Kolorit seiner Heimat in die Kunstmusik ein – seine „Ungarischen Rhapsodien“ erlangten beachtliche Berühmtheit. Er bewunderte die geigenspielenden Roma und hielt sie für die Schöpfer der ungarischen Nationalmusik.

Die Zigeunermusik bildete somit eine bedeutende Brücke zwischen Volksmusik und klassischer Komposition und prägte die europäische Musikgeschichte nachhaltig.

Franz Liszt und die Erfindung der Ungarischen Rhapsodie

Franz Liszt am Klavier
Franz Liszt am Klavier, Foto: Franz Hanfstaengl, Public domain, via Wikimedia Commons

Lange bevor Brahms seine berühmten Ungarischen Tänze schuf, machte Franz Liszt die ungarische Musik in ganz Europa populär. Mit seinen Ungarischen Rhapsodien erschuf er ein völlig neues musikalisches Format, das die Zigeunermusik mit klassischer Virtuosität verband. Die bekannteste unter ihnen, die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in cis-Moll, wurde 1847 komponiert und erstmals 1851 veröffentlicht.

Wie Liszt Zigeunermusik stilisierte

Liszt ließ sich stark von Franz Schuberts Divertissement à l’Hongroise beeinflussen, das ihm als Vorbild für seine Rhapsodien diente. In seinen Werken ahmte er gezielt bestimmte Klangfarben nach – besonders das Zymbal, ein mit kleinen Schlägeln gespieltes Hackbrett, das im slawischen Raum populär war, Durch diese Imitation erschuf er einen hellen, unverwechselbaren Klang, der einen deutlichen Kontrast zu anderen Passagen bildete.

Liszt selbst bezeichnete das Klavier als das Instrument, das „das Gefühl und die Form“ der Kunst von Sinti und Roma am besten „in ihrer Wesenheit wiedergeben konnte“. Durch seine brillanten Klaviertechniken verwandelte er die improvisatorisch anmutenden Melodien in virtuose Kunstwerke, die dennoch ihren ursprünglichen Charakter bewahrten.

Lassan und Friska: Aufbau der Rhapsodien

Die Struktur seiner Rhapsodien orientierte sich am Verbunkos, einem populären ungarischen Tanz, Jede Rhapsodie besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen: dem Lassan und dem Friska (aus dem Ungarischen: lassú – langsam; friss – frisch, schnell).

Der Lassan bildet den ersten, langsamen Teil, der meist noch etwas schwermütig und düster wirkt. In der berühmten Ungarischen Rhapsodie Nr. 2 eröffnen schwere Akkorde das Werk und festigen die Grundtonart. Zum wehmütigen Thema gesellen sich zahlreiche Verzierungen.

Danach folgt die Friska, der bewegtere Teil, der durch ein zartes Motiv eingeleitet wird und sich zusehends zu einem rasanten Ritt mit markanten Rhythmen entwickelt. Hier muss der Pianist die gefährlichsten Klippen meistern – von Doppeloktaven im dreifachen Forte über eine Kadenz bis hin zu Martellato-Oktaven beider Hände im abschließenden Presto.

Liszt und die nationale Identität

Obwohl oft als „ungarischer Komponist“ bezeichnet, war Liszts nationale Identität vielschichtiger. Er verstand sich sowohl als überzeugter Kosmopolit als auch als bekennender ungarischer Patriot.  Diese dialektische Symbiose praktizierte er umso nachdrücklicher, je stärker nationale Partikularismen in Europa Raum griffen.

Mit seinen Ungarischen Rhapsodien setzte Liszt dem Freiheitsdrang seines von Österreich unterdrückten Volkes ein musikalisches Denkmal. Besonders die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 war für ihn weit mehr als bearbeitete Folklore – sie war eine Parteinahme für die ungarische Republik von 1848, die im Folgejahr blutig niedergeschlagen wurde.

Valentina Lisitsa spielt Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 (Youtube, privacy-enhanced mode):

Rezeption seiner Werke in Europa

Die Ungarischen Rhapsodien machten Liszt in ganz Europa berühmt. Besonders die zweite Rhapsodie war bereits kurz nach ihrer Veröffentlichung im Jahre 1851 seine bekannteste. Die mitreißenden Rhythmen und virtuosen Passagen begeisterten das Publikum und inspirierten nachfolgende Komponisten wie Johannes Brahms.

Durch seine Werke machte Liszt die ungarische Musik international bekannt und legte damit den Grundstein für andere Komponisten, die sich später mit diesem Musikstil auseinandersetzten. Mit dem improvisatorischen Charakter auf der einen und den facettenreichen Klängen auf der anderen Seite bemühte sich Liszt, Ungarn in einer größtmöglichen Bandbreite darzustellen.

Johannes Brahms und seine Ungarischen Tänze

Johannes Brahms
Bronzebüste des berühmten deutschen Komponisten Johannes Brahms in Baden-Baden. Foto: Baden de, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Anders als Franz Liszt betrachtete Johannes Brahms sich nicht als Schöpfer, sondern als Bearbeiter der ungarischen Musik, die er zu einigen seiner beliebtesten Werke formte.

Wie Brahms zu den Melodien kam

Brahms kam durch den ungarischen Geiger Eduard Reményi mit der Zigeunermusik in Berührung. Mit ihm unternahm er 1853 seine erste Konzertreise und lernte dabei die charakteristischen ungarischen Melodien und Tonleitern kennen. Diese Begegnung prägte Brahms nachhaltig. Tatsächlich stammten die von ihm verwendeten Themen teilweise von Reményi selbst oder von anderen ungarischen Komponisten dieser Zeit.

Bearbeitung für Klavier und Orchester

Die Ungarischen Tänze entstanden zwischen 1858 und 1869 zunächst für Klavier zu vier Händen. Die ersten zehn wurden 1869 veröffentlicht, die weiteren elf folgten erst 1880. Allerdings schuf Brahms 1872 auch eine Fassung der ersten zehn Tänze für Klavier zu zwei Händen. Für nur drei der Tänze (Nr. 1, 3 und 10) erstellte er selbst Orchesterfassungen, die am 5. Februar 1874 in Leipzig uraufgeführt wurden.

Unterschiede zu Liszt: Brahms als Arrangeur

Im Gegensatz zu Liszt sah sich Brahms nicht als Komponist der Tänze. Dies betonte er ausdrücklich im Titelblatt der Erstausgabe mit dem Hinweis, die Stücke seien nur „für das Pianoforte zu vier Händen gesetzt“. Außerdem verzichtete er bewusst auf eine Opuszahl, um den folkloristischen Ursprung zu unterstreichen. Damit verfolgte Brahms einen völlig anderen Ansatz als Liszt, der eine abweichende Musikvorstellung hatte.

Die Popularität der Tänze bis heute

Die Ungarischen Tänze zählen bis heute zu Brahms‘ beliebtesten und bekanntesten Werken. Besonders die Orchesterfassung des ersten ungarischen Tanzes wird noch immer in vielen Konzertsälen aufgeführt – ein Beweis dafür, dass die Beeinflussung durch die Zigeunermusik nichts von ihrer Ausstrahlung eingebüßt hat. Die mitreißenden Melodien wurden zudem in verschiedenen Filmen verwendet, darunter Charlie Chaplins „Der große Diktator“ und „Bugs Bunny“.

Charlie Chaplin – Der große Diktator – Szene im Friseursalon (Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 5), Youtube

Bartók und Kodály: Die Rückkehr zur Authentizität

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen zwei Komponisten eine musikhistorische Kurskorrektur vor: Béla Bartók und Zoltán Kodály suchten die wahre ungarische Volksmusik fernab der stilisierten Zigeunermelodien, die Brahms und Liszt inspiriert hatten.

Volksliedsammlung als wissenschaftliches Projekt

Mit Phonographen und Wachswalzen ausgestattet, durchstreiften die beiden Freunde ab 1905 entlegene Dörfer in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei und der Türkei. Bartók sammelte in seinem Leben nahezu 10.000 Volkslieder,  während Kodály ein privates Archiv mit tausenden ungarischen Melodien aufbaute.

Integration in moderne Kompositionen

„Diese Bauernmusik weist in der Form höchste Vollendung auf,“ schrieb Bartók, „erstaunlich ist ihre Ausdruckskraft, die dabei völlig frei von Sentimentalität ist“. Beide Komponisten integrierten die archaischen Tonarten und fremdartigen Rhythmen in ihre Werke. Bartók entwickelte daraus seine Sonaten, Orchesterstücke und Streichquartette, während Kodály mit seinem „Psalmus Hungaricus“ und der Suite „Háry János“ berühmt wurde.

Abgrenzung zur romantischen Nationalmusik

Tatsächlich entdeckten sie, dass die echte ungarische Bauernmusik sich stark von der städtischen „Zigeunermusik“ unterschied. Bartók schrieb: „Meine eigentliche Idee ist die Verbrüderung der Völker, trotz allem Krieg und Hader“.

Einfluss auf die Musikpädagogik

Besonders Kodály widmete sich ab Mitte der 1920er Jahre intensiv der Musikerziehung. Seine „Kodály-Methode“ förderte das aktive Singen und Musizieren und wird noch heute international angewendet. Bartók schuf zudem sein pädagogisches Werk „Mikrokosmos“, eine progressive Sammlung von 153 Klavierstücken.

Fazit

Die Reise von den einfachen Zigeunermelodien zu den weltberühmten Meisterwerken ungarischer Musik ist zweifellos faszinierend. Tatsächlich spiegelt sie die komplexe Geschichte und kulturelle Vielfalt Ungarns wider. Von den ursprünglichen Volksliedern mit ihrer charakteristischen Pentatonik bis zu den virtuosen Kompositionen großer Meister zeigt sich ein roter Faden musikalischer Innovation.

Die Zigeunerkapellen spielten dabei eine entscheidende Rolle als Vermittler zwischen Volksmusik und Kunstmusik. Durch ihre Improvisation und Virtuosität verwandelten sie einfache Melodien in kunstvolle musikalische Darbietungen. Daher verwundert es nicht, dass Komponisten wie Liszt und Brahms so stark von ihnen beeinflusst wurden.

Franz Liszt schuf mit seinen Ungarischen Rhapsodien ein völlig neues Format, das nationale Identität ausdrückte und gleichzeitig die europäische Musikwelt begeisterte. Johannes Brahms hingegen sah sich bescheidener als Bearbeiter, nicht als Schöpfer. Trotzdem gehören seine Ungarischen Tänze bis heute zu den beliebtesten klassischen Werken überhaupt.

Bartók und Kodály kehrten schließlich zu den authentischen Wurzeln zurück und entdeckten die wahre ungarische Bauernmusik jenseits der städtischen Zigeunermusik. Ihre wissenschaftliche Herangehensweise führte zu einer neuen musikalischen Sprache, die auch die Musikpädagogik revolutionierte.

Unabhängig vom jeweiligen Ansatz haben alle diese Komponisten dazu beigetragen, ungarische Musik weltweit bekannt zu machen. Die mitreißenden Rhythmen, leidenschaftlichen Melodien und virtuosen Passagen begeistern noch immer Menschen aller Kulturen. Letztendlich beweist die Geschichte der ungarischen Musik eindrucksvoll, wie aus regionalen Traditionen universelle Kunstwerke entstehen können.

FAQs

Q1. Was ist der bekannteste ungarische Tanz?
Der Csárdás gilt als ungarischer Nationaltanz. Er besteht aus einem langsamen Teil (Lassú) und einem schnellen Teil (Friss). Die aufrechte Körperhaltung der Tänzer symbolisiert dabei Stolz.

Q2. Wer komponierte die berühmten Ungarischen Tänze?
Johannes Brahms komponierte die berühmten Ungarischen Tänze. Er wurde durch den ungarischen Geiger Eduard Reményi inspiriert, mit dem er 1853 auf Konzertreise ging und dabei ungarische Melodien und Tonleitern kennenlernte.

Q3. Wie viele Ungarische Tänze hat Brahms komponiert?
Johannes Brahms komponierte insgesamt 21 Ungarische Tänze. Die ersten zehn veröffentlichte er 1869, die restlichen elf folgten 1880. Diese Werke basieren auf ungarischen und Zigeunermelodien sowie eigenen Themen „nach ungarischer Art“.

Q4. Welche Instrumente sind typisch für die ungarische Volksmusik?
In der ungarischen Volksmusik spielen Instrumente wie das Zymbal (ein mit Saiten bespanntes Brett), die Geige und der Kontrabass eine wichtige Rolle. In ländlichen Gebieten waren auch Flöten, Pfeifen und Dudelsäcke verbreitet.

Q5. Wie beeinflussten Bartók und Kodály die ungarische Musik?
Béla Bartók und Zoltán Kodály sammelten Anfang des 20. Jahrhunderts systematisch authentische ungarische Volkslieder. Sie integrierten diese archaischen Melodien und Rhythmen in ihre modernen Kompositionen und entwickelten neue pädagogische Ansätze wie die „Kodály-Methode“ zur Musikerziehung.

Weiterführende Links

Performance characteristics of folk music
Von Volksmusik bis Moderne: Die echte ungarische Musikszene entdecken
Musikalische Bildung. Deutsche, französische und ungarische Traditionen im Überblick (PDF)
Wikipedia: Hungarian Rhapsody No. 2
Hubert Wißkirchen: Ungarische Musik (PDF)
Ungarn, die Wiege der Roma-Musik
Musik der Sinti und Roma
Brahms und die Sinti und Roma
Komponiert „im Zigeunerstil“
Ungarischen Tänze Nr. 1–21
Youtube Videos: Zigeuner Moll

Zigeuner“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/Zigeuner>, abgerufen am 19.01.2026.

Berühmte Geiger des 20. und 21. Jahrhunderts

Die 12 Einflussreichsten Geiger des 20. und 21. Jahrhunderts (2025 Edition)

Die Violine, oft als die Königin der Instrumente bezeichnet, hat über die Jahrhunderte hinweg unzählige Meisterhände gesehen. Doch in keiner Ära war ihre Entwicklung so rasant und vielfältig wie im 20. und 21. Jahrhundert. Während des Aufstiegs von Tonträgern, Film und digitalen Medien hat sich das Bild des Geigenvirtuosen gewandelt – von einem Solisten auf der Konzertbühne hin zu einem globalen Phänomen, das Generationen inspiriert.

In diesem Artikel würdigen wir zwölf Ausnahmetalente, die nicht nur durch ihre technische Brillanz, sondern auch durch ihre künstlerische Vision, Innovationskraft und ihren Einfluss auf das Publikum das Geigenspiel nachhaltig geprägt haben. Sie repräsentieren ein Spektrum, das von der tiefen Verwurzelung in der klassischen Tradition bis hin zur Überschreitung musikalischer Grenzen reicht.

Wir betrachten die unbestrittenen Legenden wie Itzhak Perlman, dessen Wärme und Souveränität Maßstäbe gesetzt haben, und die technisch makellose Hilary Hahn, deren Präzision fesselt. Wir tauchen ein in die Welt von David Garrett, der die Brücke zwischen Klassik und Rock schlug, und erkunden die moderne Vielseitigkeit von Künstlern wie Ray Chen, der die sozialen Medien revolutionierte. Von der leidenschaftlichen Musikalität einer Anne-Sophie Mutter über die expressive Tiefe von Joshua Bell bis hin zur erfrischenden Authentizität von Julia Fischer und Janine Jansen – jeder dieser Geiger hat eine einzigartige Spur hinterlassen.

Zudem beleuchten wir die kreativen Wege von Künstlern, die das Genre neu definiert haben: Esther Abrami, die eine neue, junge Generation erreicht, Daniel Hope, der als Grenzgänger brilliert, die bahnbrechende Vanessa-Mae, die Pop- und Klassikwelten fusionierte, und der visionäre Gidon Kremer, der stets unkonventionelle Pfade beschritt.

Begleiten Sie uns auf eine Reise durch die Klangwelten dieser zwölf herausragenden Persönlichkeiten. Ihre Kunst hat nicht nur die Geschichte der Violine mitgeschrieben, sondern auch bewiesen, dass die Magie dieses Instruments heute so lebendig und relevant ist wie nie zuvor.

Berühmte Geiger faszinieren uns mit ihrer außergewöhnlichen Kunst und technischen Brillanz. David Garrett, einer der bekanntesten Virtuosen unserer Zeit, erreicht mit seinem YouTube-Video „Viva La Vida“ über 127 Millionen Aufrufe – damit hält er den Rekord für das meistgeklickte Video eines klassischen Interpreten.

Die Welt der besten Geiger ist vielfältig und beeindruckend. Wir finden hier Künstler wie Hilary Hahn, die bereits mit drei Jahren anfing Violine zu spielen und mit nur fünf Jahren ihre ersten öffentlichen Auftritte hatte. Oder Anne Sophie Mutter, die deutsche Ausnahmegeigerin, die schon mit 13 Jahren von Herbert von Karajan entdeckt wurde. Doch wer ist der beste Geiger der Welt? Diese Frage lässt sich kaum eindeutig beantworten, denn jeder dieser Künstler bringt einzigartige Qualitäten mit.

In diesem Artikel stellen wir Ihnen die 12 einflussreichsten Geiger vor, die die Musikwelt des 20. und 21. Jahrhunderts geprägt haben. Von legendären Virtuosen der Vergangenheit bis zu berühmten Geigern der Gegenwart wie Joshua Bell, der seit seinem Carnegie-Hall-Debüt 1985 mit nahezu allen bedeutenden Orchestern weltweit aufgetreten ist. Tauchen Sie mit uns ein in die faszinierende Welt dieser außergewöhnlichen Musiker!

🎻 David Garrett

David Garrett
Dove Bongartz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der deutsch-amerikanische Violinist David Garrett verbindet wie kein anderer die Welten der klassischen und populären Musik. Geboren als David Christian Bongartz, begann er bereits mit vier Jahren Geige zu spielen und gewann mit nur fünf Jahren seinen ersten Preis beim Wettbewerb „Jugend musiziert“. Sein außergewöhnliches Talent zeigte sich früh – mit neun Jahren debütierte er beim Festival Kissinger Sommer.

David Garretts Karrierehöhepunkte

Mit 13 Jahren erhielt Garrett bereits einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft – ein bemerkenswerter Meilenstein für einen so jungen Musiker. Der legendäre Yehudi Menuhin bezeichnete ihn als „größten Violinisten seiner Generation“. Nach seiner Ausbildung am Royal College of Music in London zog er mit 19 Jahren nach New York, wo er an der renommierten Juilliard School bei Itzhak Perlman studierte. 2023 erhielt er den OPUS KLASSIK in der Kategorie Bestseller für sein Klassikalbum „ICONIC“. Außerdem wurde ihm 2021 der Europäische Kulturpreis Taurus verliehen.

David Garretts Stil & Repertoire

Sein Repertoire umfasst sowohl klassische Meisterwerke als auch moderne Crossover-Stücke. Zu seinem klassischen Repertoire zählen Violinkonzerte von Bach, Beethoven, Bruch, Mozart und vielen anderen. Mit seinem Album „ICONIC“ zollt er den großen Geigern des Goldenen Zeitalters Tribut – Legenden des 20. Jahrhunderts wie Heifetz, Kreisler und Menuhin. Bemerkenswert ist auch, dass er trotz seines Erfolgs im Crossover-Bereich weiterhin 70-80% seiner Konzerte klassisch gestaltet. Er spielt auf wertvollen Instrumenten, darunter die Stradivari „Ex Busch“ von 1716, die etwa zehn Millionen Euro wert ist.

David Garretts Einfluss auf die Musikwelt

Garrett hat mit seiner Crossover-Musik ein neues Genre geschaffen und erreicht dadurch ein breites Publikum. Er verbindet klassische Elemente mit moderner Musik und macht klassische Musik für jüngere Generationen zugänglich. Sein kommerzieller Erfolg ist beeindruckend: Er verkaufte bisher über fünf Millionen Alben und erreichte 5,65 Milliarden Streams weltweit. Seine 32 Gold- und 14 Platin-Auszeichnungen spiegeln seine internationale Beliebtheit wider. Zudem wurde er bei über 1.600 Live-Konzerten von mehr als vier Millionen Fans gefeiert.

David Garretts besondere Projekte

2013 spielte er die Hauptrolle als Niccolò Paganini im Film „Der Teufelsgeiger“. 2022 veröffentlichte er seine Autobiografie „Wenn Ihr wüsstet“, die auf der SPIEGEL Bestseller Liste Sachbuch Platz 2 erreichte. Sein aktuelles Projekt „Millennium Symphony“ (2024) verwandelt die größten Hits der letzten 25 Jahre in orchestrale Klangwelten. Die dazugehörige Welttournee startete im März 2025 in der Münchner Olympiahalle vor 10.000 begeisterten Fans. 2023 veröffentlichte er außerdem mit John Haywood das Klavierkonzert „One World“ und gab 2024 sein Debüt als Dirigent beim Interlaken Classics Festival.

🎻 Itzhak Perlman

Itzhak Perlman
Itzhak Perlman, Photo by masterclass.com

Als einer der bedeutendsten Geiger aller Zeiten hat Itzhak Perlman nicht nur musikalische Höchstleistungen vollbracht, sondern auch bewiesen, dass Talent keine Grenzen kennt. Geboren 1945 in Tel Aviv, erkrankte er mit vier Jahren an Kinderlähmung, was ihn jedoch nicht davon abhielt, ein Jahr später mit dem Geigenspiel zu beginnen.

Itzhak Perlmans Karrierehöhepunkte

Mit nur 13 Jahren beeindruckte der junge Perlman das amerikanische Publikum in der Ed Sullivan Show. Sein internationaler Durchbruch kam 1964, als er den prestigeträchtigen Leventritt-Gedenkpreis in der Carnegie Hall gewann. Seitdem trat er mit den renommiertesten Orchestern auf, darunter die New York Philharmonic und Chicago Symphony Orchestra. Zu seinen besonderen Auftritten zählen die Feier zum 100-jährigen Jubiläum der Freiheitsstatue (1986), die ersten Konzerte des Israel Philharmonic Orchestra im damaligen Ostblock (1987) sowie die Amtseinführung von Barack Obama.

Itzhak Perlmans Stil & Repertoire

Perlmans Repertoire ist außergewöhnlich vielfältig. Er spielt nicht nur klassisch-romantische Werke von Beethoven, Brahms und Mozart, sondern glänzt ebenso mit seiner Improvisationsbegabung in Klezmer-Musik. Seine musikalische Bandbreite umfasst außerdem Jazz-Kollaborationen mit André Previn und Oscar Peterson sowie Filmmusik. Weltberühmt wurde er durch die Oscar-prämierten Violinsolos in Steven Spielbergs „Schindlers Liste“, komponiert von John Williams. Er spielt auf der wertvollen Stradivari „Soil“ von 1714, die er 1986 von Yehudi Menuhin erwarb.

Itzhak Perlmans Einfluss auf die Musikwelt

Mit 16 Grammy Awards und 4 Emmy Awards zählt Perlman zu den meist ausgezeichneten Musikern unserer Zeit. Er erhielt zudem die Presidential Medal of Freedom, den Kennedy Center Honor und die National Medal of Arts. Als Pädagoge an der Juilliard School gibt er sein Wissen an junge Talente weiter und folgte damit seiner Lehrerin Dorothy DeLay nach. Sein Grundsatz: „Wer andere unterrichtet, unterrichtet sich selbst“.

Itzhak Perlmans besondere Projekte

Gemeinsam mit seiner Frau Toby gründete er 1998 das „Perlman Music Program„, das talentierte junge Musiker unabhängig von ihrer sozialen Herkunft fördert[84]. Dieser Sommerkurs wurde in einem mit einem Emmy ausgezeichneten Dokumentarfilm porträtiert. Neben seiner solistischen Karriere widmet sich Perlman zunehmend dem Dirigieren und war Haupt-Gastdirigent des Detroit Symphony Orchestra. Trotz seiner körperlichen Einschränkungen setzt er sich leidenschaftlich für die Gleichbehandlung aller Menschen und insbesondere für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein.

🎻 Hilary Hahn

Hilary Hahn
Hilary Hahn, Quincena Musical, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Perfektion und Innovation prägen das künstlerische Schaffen der Violinistin Hilary Hahn. Die amerikanische Musikerin mit deutschen Wurzeln begann ihre musikalische Reise bereits mit drei Jahren und trat schon mit sechs Jahren erstmals öffentlich auf. Mit gerade einmal zehn Jahren studierte sie am renommierten Curtis Institute of Music bei Jascha Brodsky, einem Schüler des legendären Eugène Ysaÿe.

Hilary Hahns Karrierehöhepunkte

Mit zwölf Jahren debütierte Hahn beim Baltimore Symphony Orchestra. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie als 16-Jährige mit ihrer ersten Einspielung von Bachs Solo-Werken. Die dreifache Grammy-Gewinnerin hat mittlerweile über 800 Konzerte gegeben, davon 500 mit Orchester, und ist in über 200 Städten in 27 Ländern aufgetreten. Ein besonderer Höhepunkt ihrer Karriere war 2007 der Auftritt im Vatikan für Papst Benedikt XVI. anlässlich seines 80. Geburtstags.

Hilary Hahns Stil & Repertoire

Hahns Spiel zeichnet sich durch technische Perfektion und außergewöhnliche Klarheit aus. Kritiker beschreiben ihre Interpretationen als „kontrolliert“, „makellos“ und mit „blitzsauberer Intonation“. Anders als viele ihrer Kollegen arbeitet sie mit deutlich weniger Vibrato, was der Klarheit ihrer Linien zugute kommt. Sie spielt auf einer wertvollen Vuillaume-Geige und beherrscht ihr Instrument in allen Lebenslagen – selbst in klassischer Yoga-Haltung oder mit einem Hulahoop-Reifen um die Hüften.

Hilary Hahns Einfluss auf die Musikwelt

Die Violinistin hat längst die „ausgetrampelten Repertoire-Pfade verlassen“ und überrascht mit ungewöhnlichen Werk-Kopplungen wie Beethoven und Bernstein oder Sibelius und Schönberg. Besonders bemerkenswert ist, dass sie ein junges Publikum anzieht und durch ihre Präsenz auf Social Media wie Instagram, Facebook, Twitter und YouTube neue Wege der Kommunikation mit ihren Fans findet. Sie beantwortet persönlich Fanpost und schickt von ihren Tourneen digitale Postkarten in die Welt.

Hilary Hahns besondere Projekte

Ihr innovativstes Projekt ist zweifellos „27 Pieces: the Hilary Hahn Encores“. Dafür beauftragte sie 26 namhafte Komponisten mit Zugabenstücken für Violine und Klavier und fand den 27. Komponisten durch einen offenen Wettbewerb. Aus über 400 eingesandten Werken wählte sie persönlich als alleinige Jurorin „The Angry Birds of Kauai“ (→ Youtube) des Hawaiianers Jeff Myers aus. Die Sammlung umfasst eine faszinierende Bandbreite zwischen „neutönerisch und neoklassisch, zwischen asiatisch-meditativ und mitreißend-motorisch“. Außerdem hat sie bereits mit der Alternative-Rockband „…And You Will Know Us by the Trail of Dead“ zusammengearbeitet und war Solistin des Soundtracks zum Mystery-Thriller „The Village“.

🎻 Ray Chen

Ray Chen
Ray Chen, InClassica International Music Festival, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Mit seinem unkonventionellen Ansatz definiert Ray Chen die Rolle eines klassischen Musikers im digitalen Zeitalter völlig neu. Der taiwanisch-australische Geiger, geboren am 6. März 1989 in Taipeh, begann bereits mit vier Jahren das Violinspiel nach der Suzuki-Methode. Seine Familie zog nach Queensland, Australien, wo er mit acht Jahren sein erstes öffentliches Konzert gab, begleitet vom Queensland Philharmonic Orchestra.

Ray Chens Karrierehöhepunkte

Mit nur 15 Jahren erhielt er die Zulassung am renommierten Curtis Institute of Music in Philadelphia, um bei Aaron Rosand zu studieren. Sein internationaler Durchbruch kam durch den Gewinn des Yehudi Menuhin Wettbewerbs 2008 und des prestigeträchtigen Königin-Elisabeth-Wettbewerbs 2009 in Brüssel. Diese Erfolge ebneten ihm den Weg zu Auftritten mit den bedeutendsten Orchestern der Welt. Besonders bemerkenswert war 2025 sein Auftritt beim Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung von Christoph Eschenbach.

Ray Chens Stil & Repertoire

Chen zeichnet sich durch einen geschmeidigen Ton aus, der laut Huffington Post „emotionale Tiefe höchster Intimität“ („He had the kind of liquid tone that carries with it emotional depth of great intimacy“) mit sich bringt. Er sieht sich als „Emulgator“, der die Ideen der Komponisten mit seinen eigenen Emotionen verbindet. Bemerkenswert ist auch seine Instrumentenwahl – er hat bereits auf vier verschiedenen Stradivari-Geigen gespielt: „Macmillan“ (1721), „Huggins“ (1708), „Lord Newlands“ (1702) und seit 2014 die „Joachim“ von 1715, eine Leihgabe der Nippon Music Foundation. Seine Alben wie „Virtuoso“ (2011) und „The Golden Age“ (2018) spiegeln seine Vielseitigkeit wider.

Ray Chens Einfluss auf die Musikwelt

Allerdings liegt Chens größter Einfluss in seiner digitalen Präsenz. Mit über einer Million Followern auf Instagram, mehr als 590.000 auf TikTok und über 600.000 auf YouTube gehört er zu den erfolgreichsten Klassik-Influencern weltweit. Dadurch erreicht er besonders junge Menschen und baut Berührungsängste zur klassischen Musik ab. „Du bist der Grund, dass ich jetzt klassische Musik mag, nach all den Jahren, in denen ich alles vermieden habe, was mit klassischer Musik zu tun hatte“, schrieb eine Zuschauerin unter einem seiner Videos.

Ray Chens besondere Projekte

2020 gründete er die App „Tonic“, eine Plattform, die Musikern ermöglicht, gemeinsam zu üben und Feedback zu sammeln. Mittlerweile hat die App über 150.000 Nutzer in mehr als 130 Ländern. Außerdem ist er bekannt für seine spontanen Auftritte – im Mai 2018 gab er nach einer Notlandung in Portugal ein improvisiertes Konzert. Darüber hinaus arbeitete er an dem ungewöhnlichen „Kreutzer Project“, das Beethovens Sonate, Tolstois Novelle und Janáceks Streichquartett miteinander verbindet. 2024 erschien sein neuestes Album „Player 1“, das klassische Musik mit der Welt des Gamings verknüpft und Themen aus Videospielen, Anime und Filmen enthält.

🎻 Anne-Sophie Mutter

Anne-Sophie Mutter
Anne-Sophie Mutter, Quincena Musical, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Die deutsche Violinistin Anne-Sophie Mutter ist ein wahres musikalisches Phänomen, das seit knapp fünf Jahrzehnten die Klassikszene weltweit prägt. Geboren 1963 in Rheinfelden (Baden), begann ihre außergewöhnliche Karriere bereits im Kindesalter. Mit fünf Jahren äußerte sie den Wunsch, Geige zu spielen, und gewann nach nur einem halben Jahr ihren ersten Wettbewerb.

Anne-Sophie Mutters Karrierehöhepunkte

Ihr internationaler Durchbruch kam 1976, als sie bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern debütierte. Ein Jahr später trat die damals 13-Jährige bei den Salzburger Pfingstkonzerten unter der Leitung von Herbert von Karajan auf. Ihre anschließenden Konzerte und Einspielungen mit den Berliner Philharmonikern in den 1980er-Jahren verhalfen ihr zu weltweiter Bekanntheit. Seitdem hat sie mit namhaften Dirigenten und Orchestern in allen bedeutenden Musikzentren konzertiert. Bemerkenswert ist außerdem ihre seit 1988 bestehende Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Pianisten Lambert Orkis.

Anne-Sophie Mutters Stil & Repertoire

Mutter ist bekannt für ihren unverwechselbaren Geigenklang mit einem in sich bewegten Ton, der stets ein bisschen flirrt und schwebt – gleichzeitig zerbrechlich und kräftig. Sie spielt auf zwei wertvollen Stradivari-Violinen: der „Emiliani“ (1703) und der „Lord Dunn-Raven“ (1710), die in einem Klimakoffer mit Hydrometer reist. Ihre Interpretationen zeichnen sich durch emotionale Tiefe und technische Brillanz aus. Sie widmet sich gleichermaßen traditionellen Kompositionen wie auch zeitgenössischer Musik.

Anne-Sophie Mutters Einfluss auf die Musikwelt

Als viermalige Grammy-Award-Gewinnerin hat Mutter bisher 32 Werke uraufgeführt. Komponisten wie Thomas Adès, Sofia Gubaidulina, Witold Lutoslawski, Krzysztof Penderecki und John Williams haben speziell für sie komponiert. Darüber hinaus setzt sie sich leidenschaftlich für musikalischen Nachwuchs ein. Im Herbst 1997 gründete sie den „Freundeskreis Anne-Sophie Mutter Stiftung e.V.“, dem 2008 die Anne-Sophie Mutter Stiftung folgte. Diese Institutionen fördern hochbegabte junge Streicher individuell und umfassend.

Anne-Sophie Mutters besondere Projekte

Seit 2011 teilt sie regelmäßig das Rampenlicht mit ihrem Stipendiaten-Ensemble „Mutter’s Virtuosi„. Zudem unterstützt sie durch zahlreiche Benefizkonzerte medizinische und soziale Projekte. Von 2022 bis 2025 war sie Präsidentin der Deutschen Krebshilfe. Für ihre künstlerischen und humanitären Verdienste erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz, den Orden der Ehrenlegion und 2025 die Große Staufermedaille in Gold[201].

🎻 Joshua Bell

Joshua Bell
Joshua Bell, Alexduff, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der charismatische Amerikaner Joshua Bell verzaubert seit Jahrzehnten sein Publikum mit einem unwiderstehlichen Geigenklang. Geboren 1967 in Bloomington, Indiana, zeigte sich sein musikalisches Talent schon früh – mit nur vier Jahren begann er Violine zu spielen.

Joshua Bells Karrierehöhepunkte

Mit 14 Jahren trat Bell erstmals als Solist mit dem Philadelphia Orchestra unter Riccardo Muti auf. Sein Debüt in der Carnegie Hall folgte 1985, wodurch er sich schnell einen Namen in der internationalen Musikwelt machte. Nach seinem Studium bei Josef Gingold an der Indiana University konzertierte er mit nahezu allen bedeutenden Orchestern und Dirigenten weltweit. Besonders bemerkenswert: Seit 2011 ist Bell Musikdirektor der renommierten Academy of St Martin in the Fields (Music Director of the Academy of St Martin in the Fields), wo er die Nachfolge des Gründers Sir Neville Marriner antrat.

Joshua Bells Stil & Repertoire

Bell ist bekannt für seinen samtig-cremigen Ton und seine tiefgreifende musikalische Ausdruckskraft. Mit ganzem Körpereinsatz bringt er die Musik zum Leben – er biegt sich, geht in die Knie und atmet hörbar, ohne dass dies jemals wie Pose wirkt. Er spielt auf der wertvollen Stradivari „Gibson ex Huberman“ von 1713, die eine besondere Geschichte hat: Sie wurde 1936 gestohlen und tauchte erst 1985 wieder auf.

Joshua Bells Einfluss auf die Musikwelt

Als Grammy-Preisträger hat Bell über 40 Alben aufgenommen. Neben dem klassischen Repertoire hat er auch mit Jazz- und Bluegrass-Musikern wie Edgar Meyer und Chick Corea zusammengearbeitet. Außerdem spielte er die Solopartien in Filmmusiken wie „The Red Violin“ (John Corigliano) und „Illuminati“ (Hans Zimmer), was seinen Bekanntheitsgrad erheblich steigerte.

Joshua Bells besondere Projekte

Ein faszinierendes Experiment machte ihn 2007 über die Klassikwelt hinaus berühmt: In Straßenkleidung spielte Bell inkognito 43 Minuten lang in einer Washingtoner U-Bahn-Station (Youtube: Joshua Bell’s ‚Stop and Hear the Music‘ metro experiment | The Washington Post). Von 1.097 Passanten blieben nur sieben stehen, um ihm zuzuhören. Dieser soziale Versuch, für den der dokumentierende Journalist einen Pulitzer-Preis erhielt, wirft Fragen über Kunstwahrnehmung und Kontext auf. Darüber hinaus engagiert sich Bell in Projekten zur Musikvermittlung wie „Education Through Music“ und „Turnaround Arts“ und unterstützte die Entwicklung einer Geigenlern-App.

🎻 Julia Fischer

Julia Fischer
Julia Fischer, Photo: www.juliafischer.com

Die Doppelbegabung als Violinistin und Pianistin macht Julia Fischer zu einer besonderen Erscheinung unter den berühmten Geigern der Gegenwart. Geboren am 15. Juni 1983 in München, begann sie bereits mit drei Jahren Klavier zu spielen, kurz darauf folgte die Geige. Nach ersten Jahren am Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg wurde sie mit nur neun Jahren Jungstudentin bei Ana Chumachenco an der Musikhochschule München.

Julia Fischers Karrierehöhepunkte

Bereits mit elf Jahren gewann sie 1995 den renommierten Yehudi Menuhin Wettbewerb. Ihr internationaler Durchbruch folgte 2003 mit Auftritten in der New Yorker Carnegie Hall unter Lorin Maazel. Bemerkenswert ist zudem ihre Karriere als Lehrende – 2006 wurde sie mit nur 23 Jahren Deutschlands jüngste Professorin an der Hochschule für Musik in Frankfurt. Fünf Jahre später übernahm sie den Lehrstuhl ihrer Mentorin Chumachenco in München. Zwischen 70 und 80 Konzerte gibt Fischer jährlich mit etwa 50 verschiedenen Programmen.

Julia Fischers Stil & Repertoire

Ihr Repertoire umfasst über 40 Werke mit Orchester und etwa 60 Kammermusikwerke. Besonders bekannt wurde sie durch ihre Interpretationen von Bach – 2006 gewann sie den BBC Music Magazine Award als „Best Newcomer“ für ihre Einspielung der Sonaten und Partiten. Darüber hinaus beeindruckt sie als Pianistin: 2008 debütierte sie in Frankfurt mit Griegs Klavierkonzert und spielte am selben Abend Saint-Saëns‘ Violinkonzert Nr. 3.

Julia Fischers Einfluss auf die Musikwelt

Das Unterrichten liegt Fischer besonders am Herzen. Sie möchte an junge Musiker weitergeben, was sie selbst als Kind erfahren hat. Außerdem gründete sie 2017 als erste Klassik-Künstlerin ihre eigene Musikplattform, den JF CLUB, wo sie exklusiv Aufnahmen veröffentlicht.

Julia Fischers besondere Projekte

2011 rief sie das Julia Fischer Quartett ins Leben, gemeinsam mit Alexander Sitkovetsky, Nils Mönkemeyer und Benjamin Nyffenegger. Dieses Ensemble tritt mittlerweile auf renommierten Bühnen wie der Wigmore Hall London oder dem Gewandhaus Leipzig auf. 2019 gründete sie die Kindersinfoniker (kindersinfoniker.de), ein Orchester für 6- bis 14-jährige Kinder. Regelmäßig gibt sie zudem Meisterkurse bei den Musikferien am Starnberger See, wo sie mit ihrer Familie lebt.

Für ihr künstlerisches Schaffen erhielt Fischer zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz und den Deutschen Kulturpreis.

🎻 Janine Jansen

Janine Jansen
Janine Jansen, Eric de Redelijkheid from Utrecht, Netherlands, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Die niederländische Geigerin Janine Jansen entwickelt eine besondere Beziehung zu jedem Instrument, das sie spielt. Die 1978 geborene Musikerin wuchs in einer musikalischen Familie auf und begann früh mit dem Violinspiel.

Janine Jansens Karrierehöhepunkte

Nach ihrem Studium bei Coosje Wijzenbeek, Philipp Hirshhorn und Boris Belkin startete sie 1998 ihre internationale Karriere. Heute genießt sie einen außergewöhnlichen internationalen Ruf und tritt regelmäßig mit den renommiertesten Orchestern der Welt auf, darunter die Berliner Philharmoniker und das London Symphony Orchestra. Bemerkenswert ist zudem, dass sie in der Saison 2025/26 Artist in Residence bei den Berliner Philharmonikern sein wird. Während dieser Zeit wird sie Konzerte mit Kirill Petrenko (Brahms), Simon Rattle (Prokofjews Konzert Nr. 1) sowie mit Tughan Sokhiev (Bruch) spielen.

Janine Jansens Stil & Repertoire

Jansen spielt auf der exquisiten Stradivari „Shumsky-Rode“ von 1715, die ihr von einem europäischen Mäzen als Leihgabe überlassen wird. „Ich liebe an dieser Geige, dass man einen Ton innerhalb einer Millisekunde formen und verändern kann. Es gibt einfach Leben und Licht in diesem Instrument“, erklärt sie. Zu ihren bemerkenswerten Aufnahmen zählen Werke von Brahms, Bartók, Beethoven, Britten, Mendelssohn, Bruch, Tschaikowski und Bach.

Janine Jansens Einfluss auf die Musikwelt

Für ihre herausragenden künstlerischen Leistungen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Herbert-von-Karajan Preis 2020, den Johannes Vermeer Preis (2018), fünf Edison Klassiek Awards und den Concertgebouw Prize. Darüber hinaus gibt sie ihr Wissen seit 2019 als Professorin an der HÉMU Sion und seit November 2023 an der Kronberg Academy weiter.

Janine Jansens besondere Projekte

Als begeisterte Kammermusikerin gründete sie 2003 das Internationale Kammermusikfestival Utrecht (kamermuziekfestival.nl), das sie bis heute als Künstlerische Leiterin führt. Außerdem kuratierte sie im März 2024 erstmals das „Janine Jansen Bach Festival“ im Concertgebouw Amsterdam. Besonders bemerkenswert ist ihr Projekt „12 Stradivari“ von 2021, bei dem sie zwölf hervorragende Stradivari-Instrumente einspielte, darunter die beiden Kreisler-Stradivaris und die Milstein-Stradivari.

🎻 Esther Abrami

Esther Abrami
Esther Abrami, Photo: Facebook.com/estherabramiviolin

Die französische Violinistin Esther Abrami revolutioniert mit ihrer frischen Herangehensweise die klassische Musikwelt. Anders als viele traditionelle Geiger nutzt sie Social Media, um junge Menschen für klassische Musik zu begeistern, und erreicht damit Millionen Follower auf Instagram und TikTok.

Esther Abramis Karrierehöhepunkte

Bereits mit drei Jahren erhielt Abrami ihre erste Geige von ihrer Großmutter. Mit nur 14 Jahren zog sie allein nach Manchester an die renommierte Chetham’s School of Music – ohne Englischkenntnisse, aber mit dem klaren Ziel, professionelle Geigerin zu werden. Nach ihrem Studium am Royal Birmingham Conservatoire wurde sie vom Magazin Forbes als „Best Influential Star“ ausgezeichnet und unterschrieb einen Vertrag bei Sony Classical.

Esther Abramis Stil & Repertoire

Ihr Debütalbum präsentiert ein breites Klangspektrum verschiedener klassischer Stile. Darauf finden sich sowohl Neuarrangements bekannter Klassiker von Bach und Mozart als auch Kompositionen zeitgenössischer Künstler wie Rachel Portman und Alexis Ffrench. Besonders bemerkenswert ist ihr Album „WOMEN“, das ausschließlich Komponistinnen gewidmet ist – von Hildegard von Bingen bis zu einem orchestralen Arrangement von Miley Cyrus‘ „Flowers“.

Esther Abramis Einfluss auf die Musikwelt

Durch ihre authentische Online-Präsenz bringt Abrami klassische Musik einem jungen Publikum näher. Auf ihren Social-Media-Kanälen zeigt sie nicht nur perfekte Auftritte, sondern auch alltägliche Momente: nervöses Aufwärmen, tiefes Durchatmen vor Konzerten oder ihre Begeisterung für Mode. Dadurch wird sie zur Identifikationsfigur für eine Generation, die Ehrlichkeit schätzt.

Esther Abramis besondere Projekte

In ihrem Podcast „Women in Classical“ spricht Abrami mit einflussreichen Musikerinnen über deren Karriere. Besonders am Herzen liegt ihr die EP „Spotlight“ mit dem „Her Ensemble“, das ausschließlich aus Frauen und nicht-binären Musiker*innen besteht. Außerdem nutzt sie ihre Reichweite für den Tierschutz – ein virales Video mit Kätzchen half, Spenden für ein Tierheim zu sammeln.

🎻 Daniel Hope

Daniel Hope
Daniel Hope, Superbass, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der irisch-deutsche Geiger Daniel Hope baut Brücken zwischen Musikwelten und Publikum. Geboren 1973 in Südafrika, zog er im Alter von sechs Monaten nach London, wo er mit vier Jahren das Geigenspiel begann.

Daniel Hopes Karrierehöhepunkte

Seine Karriere startete früh – mit 15 Jahren debütierte er in Finnland. Die enge Zusammenarbeit mit Yehudi Menuhin prägte ihn; sie traten bei über 60 gemeinsamen Konzerten auf. Als jüngstes Mitglied in der Geschichte des Beaux Arts Trios gab er 400 Konzerte mit dem legendären Ensemble. Seit 2016 leitet Hope das Zürcher Kammerorchester und seit 2019 ist er Künstlerischer Direktor der Dresdner Frauenkirche.

Daniel Hopes Stil & Repertoire

Hope zeichnet sich durch musikalische Vielseitigkeit aus. Sein Repertoire reicht von Bach über Vivaldi bis zu zeitgenössischen Komponisten. Er arbeitet eng mit Komponisten wie Philip Glass und Tan Dun zusammen. Bei seinen Auftritten führt er nicht nur als Geiger durch den Abend, sondern auch als Moderator mit Anekdoten.

Daniel Hopes Einfluss auf die Musikwelt

Für Hope ist Musik ein Mittel zur Kommunikation. Als Moderator einer wöchentlichen Radiosendung auf WDR3, Buchautor und Kolumnist erreicht er verschiedene Zielgruppen (WDR 3 Mediathek: Persönlich mit Daniel Hope). Während der Pandemie startete er die erfolgreiche Konzertreihe „Hope@Home“ mit 150 Konzerten.

Daniel Hopes besondere Projekte

2018 gründete er gemeinsam mit der Schloss Neuhardenberg Stiftung die Hope Academy (Hope Music Academy). Mit seinem Album „Dance“ widmete er sich der Tanzmusik in verschiedensten Facetten. Zudem initiierte er nach Beginn des Ukraine-Konflikts mehrere Benefizkonzerte.

🎻 Vanessa-Mae

Vanessa-Mae
Vanessa-Mae Vanakorn Nicholson, Photo: independent.co.uk

Die thailändisch-britische Geigerin Vanessa-Mae Vanakorn Nicholson schrieb als eine der ersten Violinistinnen Musikgeschichte mit klassisch-moderner Fusion. Geboren 1978 in Singapur als Tochter einer Chinesin und eines Thailänders, zeigte sie früh außergewöhnliches Talent – mit drei Jahren begann sie Klavier zu spielen und mit fünf Jahren Geige.

Vanessa-Maes Karrierehöhepunkte

Mit nur zehn Jahren debütierte Vanessa-Mae beim London Philharmonic Orchestra. Ein Jahr später wurde sie am Royal College of Music in London aufgenommen. Ihr wahrhaft bahnbrechender Erfolg kam 1995 mit dem Album „The Violin Player“, das in über 25 Ländern die Charts stürmte. Bemerkenswert: Mit 13 nahm sie die Violinkonzerte von Tschaikowsky und Beethoven auf – ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde!

Vanessa-Maes Stil & Repertoire

Mitte der 90er entwickelte sie ihren eigenen Stil, den sie „Techno-akustische Fusion“ nannte. Diese Mischung aus Klassik, Pop und jugendlicher Verwegenheit sprach sofort ein breites Publikum an. Im Video zur Single „Toccata und Fuge in D-Moll“ von Bach erschien sie im nassen T-Shirt – ein geschickter Marketingschachzug.

Vanessa-Maes Einfluss auf die Musikwelt

Mit 13 Millionen verkauften Platten öffnete sie den Weg für Crossover-Künstler wie David Garrett. 1997 war sie die einzige nicht-chinesische Künstlerin bei der Rückgabe Hongkongs an China.

Vanessa-Maes besondere Projekte

Außerdem verfolgte sie eine völlig andere Leidenschaft: 2014 trat sie als Skirennläuferin für Thailand bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi an.

🎻 Gidon Kremer

Gidon Kremer
Gidon Kremer, Guus Krol, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der lettische Violinist Gidon Kremer zählt zu den kompromisslosesten und originellsten Künstlern unserer Zeit. Geboren 1947 in Riga, begann er mit vier Jahren Geige zu spielen und wurde später Schüler von David Oistrach am Moskauer Konservatorium.

Gidon Kremers Karrierehöhepunkte

Zunächst gewann der junge Kremer bedeutende Wettbewerbe wie den Paganini-Wettbewerb in Genua und den Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Sein Debüt im Westen gab er 1970 im Wiener Musikverein. Dennoch waren nicht diese frühen Erfolge ausschlaggebend für seinen Ruf, sondern seine künstlerische Integrität über Jahrzehnte hinweg.

Gidon Kremers Stil & Repertoire

Besonders bemerkenswert ist sein ungewöhnlich breites Repertoire – von klassischen Meisterwerken bis zu zeitgenössischen Kompositionen. Er setzt sich intensiv für Komponisten wie Alfred Schnittke, Arvo Pärt, Sofia Gubaidulina und Giya Kancheli ein. Als erster großer Solist hat er zahlreiche neue Werke uraufgeführt, von denen ihm viele gewidmet sind.

Gidon Kremers Einfluss auf die Musikwelt

Mit über 120 Alben und zahlreichen Auszeichnungen wie dem Ernst von Siemens Musikpreis und dem Praemium Imperiale hat Kremer Maßstäbe gesetzt.

Gidon Kremers besondere Projekte

1981 gründete er das Kammermusikfestival Lockenhaus und 1997 die Kremerata Baltica, ein Ensemble junger baltischer Musiker. Außerdem entdeckte er den lange vergessenen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (Wikipedia: Mieczysław Weinberg) wieder.

Fazit

Die Welt der Geige hat sich zweifellos im Laufe der letzten Jahrzehnte stark verändert. Jeder der vorgestellten Künstler bringt seine eigene, unverwechselbare Note in die klassische Musiklandschaft ein. Besonders bemerkenswert ist die Vielfalt der Ansätze – von David Garretts Crossover-Erfolgen bis zu Hilary Hahns technischer Perfektion oder Gidon Kremers kompromissloser künstlerischer Vision.

Diese zwölf Violinisten zeigen eindrucksvoll, dass klassische Musik keineswegs verstaubt oder unzugänglich sein muss. Tatsächlich haben sie Grenzen überwunden und neue Wege gefunden, um mit ihrem Publikum in Kontakt zu treten. Musiker wie Ray Chen oder Esther Abrami nutzen Social Media, um jüngere Generationen zu erreichen, während andere wie Anne-Sophie Mutter oder Itzhak Perlman durch ihre Stiftungen musikalischen Nachwuchs fördern.

Die technische Brillanz dieser Künstler steht außer Frage. Dennoch unterscheidet sie primär ihr individueller Ausdruck und ihre persönliche Herangehensweise an die Musik. Julia Fischers Doppelbegabung als Pianistin und Geigerin, Vanessa-Maes bahnbrechende Fusion-Experimente oder Joshua Bells samtig-cremiger Ton – jeder dieser Musiker hat seinen eigenen, unverkennbaren Stil entwickelt.

Letztendlich beweisen diese Virtuosen, dass die Geige als Instrument zeitlos faszinierend bleibt und sich ständig weiterentwickelt. Sie verbinden Tradition mit Innovation und schaffen dadurch etwas Besonderes. Obwohl sich ihre Wege unterscheiden, eint sie alle eine tiefe Leidenschaft für ihr Instrument und die Musik.

Mögen diese außergewöhnlichen Künstler auch künftige Generationen inspirieren, die Grenzen des Möglichen auf der Violine immer wieder neu zu definieren.

FAQs

Q1. Wer gilt als der einflussreichste Geiger des 20. Jahrhunderts?
Jascha Heifetz wird oft als einer der einflussreichsten Geiger des 20. Jahrhunderts genannt. Sein virtuoses Spiel und seine technische Perfektion setzten neue Maßstäbe für nachfolgende Generationen von Violinisten.

Q2. Wie hat sich die Rolle des Geigers in der modernen Musikwelt verändert?
Moderne Geiger wie David Garrett oder Esther Abrami nutzen verstärkt soziale Medien und Crossover-Projekte, um ein breiteres und jüngeres Publikum zu erreichen. Sie verbinden klassische Musik mit populären Elementen und präsentieren sich als vielseitige Künstler.

Q3. Welche Bedeutung haben Wettbewerbe für die Karriere junger Geiger?
Internationale Wettbewerbe wie der Yehudi Menuhin Wettbewerb oder der Königin-Elisabeth-Wettbewerb spielen oft eine wichtige Rolle für den Karrierestart junger Violinisten. Viele der heute bekannten Geiger wie Hilary Hahn oder Ray Chen gewannen in jungen Jahren solche Wettbewerbe.

Q4. Inwiefern engagieren sich bekannte Geiger in der Nachwuchsförderung?
Viele renommierte Violinisten wie Anne-Sophie Mutter oder Itzhak Perlman haben eigene Stiftungen oder Programme gegründet, um junge Talente zu fördern. Sie geben ihr Wissen durch Meisterkurse weiter und unterstützen aufstrebende Musiker finanziell und künstlerisch.

Q5. Welche Rolle spielt die Wahl des Instruments für einen Geiger?
Die Wahl des Instruments ist für Geiger von großer Bedeutung. Viele Spitzenmusiker spielen auf wertvollen historischen Instrumenten wie Stradivaris oder Guarneris, die ihnen oft als Leihgabe zur Verfügung gestellt werden. Die Qualität und der Charakter des Instruments können den Klang und die künstlerische Ausdrucksmöglichkeit des Geigers erheblich beeinflussen.

Links

David Garrett Ray Chen Julia Fischer
Itzhak Perlman Anne-Sophie Mutter Janine Jansen
Hilary Hahn Joshua Bell Esther Abrami
Daniel Hope Vanessa-Mae Gidon Kremer

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Violoncello
Berühmte Cellisten haben das Instrument von einem kaum beachteten Begleitinstrument zu einem Protagonisten in klassischen und modernen Kompositionen transformiert. Zunächst begann das Cello im 18. Jahrhundert an Bedeutung zu gewinnen und ersetzte die Bass-Viola da Gamba in Orchestern, was zur Schaffung zahlreicher Cellokonzerte führte.

Im Laufe der Zeit prägte jeder legendäre Cellist seinen eigenen unverkennbaren Stil. Pablo Casals gilt als Vater des modernen Cellospiels und wiederbelebte Bachs Solo-Cellosuiten, während berühmte Cellisten der Gegenwart wie Yo-Yo Ma mit seinem Silk Road Project kulturübergreifende Zusammenarbeit durch Musik fördern. Tatsächlich wurde Adrien-François Servais im 19. Jahrhundert sogar als „der Paganini des Cellos“ bezeichnet.

Darüber hinaus zeigt die Geschichte des Cellos eine beeindruckende Vielseitigkeit. Von Jacqueline du Prés definierender Interpretation von Elgars Cellokonzert bis zu Mstislav Rostropovichs Uraufführung von über 150 zeitgenössischen Werken – das Instrument hat in verschiedenen Genres wie Klassik, Jazz und Filmmusik eine bedeutende Rolle eingenommen. Diese Zusammenstellung der 14 größten Cellisten aller Zeiten beleuchtet die Meister, die das Instrument revolutioniert haben.


Pablo (Pau) Casals

Pablo Casals, Cellist
Pablo Casals, Cellist

Der katalanische Musiker Pau Casals, international als Pablo Casals bekannt, prägte die Cellowelt wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit. Seine Lebensgeschichte ist ebenso beeindruckend wie sein musikalisches Erbe.

Pablo Casals‘ Biografie

Am 29. Dezember 1876 in El Vendrell geboren, erhielt Casals seinen ersten Musikunterricht von seinem Vater, einem Organisten. Bereits mit vier Jahren lernte er Klavier, Flöte und Violine. Als Elfjähriger entdeckte er das Cello und war sofort vom Klang fasziniert. Ein Schlüsselmoment seiner Karriere ereignete sich 1890, als der 13-jährige Casals in einer Musikalienhandlung Johann Sebastian Bachs sechs Suiten für Cello solo entdeckte. Nach seinem Studium am Konservatorium in Barcelona und Madrid begann seine internationale Karriere mit einem Auftritt im Londoner Crystal Palace 1899.
Zwischen 1906 und 1933 bildete Casals mit dem Pianisten Alfred Cortot und dem Geiger Jacques Thibaud eines der berühmtesten Trios der Musikgeschichte. Nach Francos Sieg im Spanischen Bürgerkrieg ging er 1939 ins Exil nach Prades in Frankreich. 1956 zog er nach Puerto Rico, wo er 1973 im Alter von 97 Jahren starb.

Pablo Casals‘ Stil und Technik

Casals revolutionierte das Cellospiel grundlegend. Er experimentierte früh mit Finger- und Bogentechnik und entwickelte dadurch einen eigenen Stil. Sein singender, warmer Ton machte selbst unscheinbare Kompositionen zu großen Werken. Der Geiger Fritz Kreisler nannte ihn respektvoll den „König des Bogens“.
Bemerkenswert war seine Disziplin: Noch mit 93 Jahren übte Casals täglich vier bis fünf Stunden Cello. Auf die Frage nach dem Grund antwortete er: „Ich habe den Eindruck, Fortschritte zu machen“.

Pablo Casals‘ bedeutende Werke

Seine Interpretation der Bach-Cellosuiten zählt zu seinen wichtigsten Errungenschaften. Casals erweckte diese zuvor kaum beachteten Werke zu neuem Leben und nannte sie „die Quintessenz von Bachs Schaffen“. Seine Einspielungen aus den Jahren 1936-1939 gelten bis heute als Meilensteine. Daneben sind seine Aufnahmen der Cellokonzerte von Dvořák und Elgar (1937) von historischer Bedeutung. Als Komponist schuf er unter anderem das Oratorium „El Pessebre“ (Die Krippe) im Jahr 1960.

Pablo Casals‘ Einfluss auf die Musikgeschichte

Casals‘ Bedeutung geht weit über seine technischen Innovationen hinaus. Er emanzipierte das Cello als ernstzunehmendes Solo-Instrument und beeinflusste Generationen von Cellisten.  Außerdem gründete er mehrere Orchester und Festivals, darunter das Orquestra Pau Casals (1919) und die Festspiele von Prades (1950).
Zugleich war er ein politisch engagierter Künstler, der aus Protest gegen das Franco-Regime jahrelang sein Cello schweigen ließ. Erst anlässlich des 200. Todestages von Bach im Jahr 1950 beendete er sein musikalisches Verstummen. Wilhelm Furtwängler fasste Casals‘ Bedeutung treffend zusammen: „Derjenige, der Casals nie gehört hat, weiß nicht, wie ein Streichinstrument klingen kann“.

Video: J. S..Bach The six cello suites Pablo Casals, 1936 – 1939

Jacqueline du Pré

Jacqueline du Pre sculpture, Kensington, Sydney
Jacqueline du Pre sculpture, Kensington, Sydney

Als eine der emotionalsten Interpretinnen des 20. Jahrhunderts verzauberte die britische Cellistin Jacqueline du Pré das Publikum weltweit mit ihrem leidenschaftlichen Spiel. Ihr tragisches Schicksal und ihr musikalisches Erbe beeinflussen bis heute die Cellowelt nachhaltig.

Jacqueline du Prés Biografie

Jacqueline du Pré wurde am 26. Januar 1945 in Oxford geboren. Als Tochter einer Pianistin und Klavierlehrerin zeigte sie bereits mit vier Jahren ein außergewöhnliches musikalisches Talent, als sie beim Hören eines Cellos im Radio sofort feststellte: „Mami, solche Töne will ich auch machen“. Zu ihrem fünften Geburtstag erhielt sie ihr erstes Dreiviertel-Cello. Ihren ersten Unterricht bekam sie von ihrer Mutter, bevor sie zwischen 1955 und 1961 bei William Pleeth studierte.

Ihre musikalische Ausbildung vervollständigte sie bei den bedeutendsten Cellisten ihrer Zeit: 1960 bei Pablo Casals, 1962 bei Paul Tortelier in Paris und 1965 bei Mstislaw Rostropowitsch in Moskau. Nach ihrem Abschluss an der Londoner Guildhall School of Music debütierte sie 1961 in der Wigmore Hall.
Der Durchbruch gelang ihr 1962 mit Edward Elgars Cellokonzert in der Royal Festival Hall. 1967 heiratete sie den Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim und konvertierte zum Judentum. Zusammen mit dem Geiger Pinchas Zukerman bildeten sie ein bekanntes Trio.

Allerdings zeigten sich ab 1971 die ersten Symptome der Multiplen Sklerose. Nach ihren letzten Konzerten 1973 musste sie ihre glanzvolle Karriere im Alter von nur 28 Jahren beenden. Sie starb am 19. Oktober 1987 im Alter von 42 Jahren in London.

Jacqueline du Prés Stil und Technik

Du Prés Spiel zeichnete sich durch eine außergewöhnliche Intensität und Natürlichkeit aus. Ihr Cellospiel war voller Feuer und ungeheurer Musikalität. Tatsächlich vermochte sie es, mit ihrer charismatischen Ausstrahlung das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Ihre Interpretationen waren nie glattgebügelt oder veredelt, sondern stets lebendig und wahrhaftig.
Besonders bemerkenswert war ihre Fähigkeit, zwischen zärtlicher Sensibilität und dramatischer Kraft zu wechseln. In ihrer Spielweise schien sie mit dem Instrument gleichzeitig „zerstritten und verschmolzen“ zu sein, was ihrem Spiel eine einzigartige Spannung verlieh.

Jacqueline du Prés bedeutende Werke

Ihre 1965 entstandene Aufnahme von Elgars Cellokonzert mit dem London Symphony Orchestra unter Sir John Barbirolli gilt bis heute als Referenzaufnahme. Diese Interpretation setzte Elgars bis dahin unterschätzte Komposition in ein neues Licht und enthüllte dessen abgründige Melancholie.
Neben Elgar sind auch ihre Einspielungen der Konzerte von Dvořák, Schumann und Haydn von herausragender Bedeutung. Zudem entstanden durch ihre Zusammenarbeit mit Barenboim zahlreiche bemerkenswerte Kammermusikaufnahmen.

Ein besonderes Dokument ihrer künstlerischen Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim, Itzhak Perlman, Zubin Mehta und Pinchas Zukerman ist der 1969 entstandene Film „The Trout“ über Franz Schuberts Forellenquintett, der den künstlerischen Ernst und die jugendliche Begeisterung aller Beteiligten eindrucksvoll widerspiegelt.

Video: → Making „The Trout“ with Du Pré, Perlman & Barenboim | Christopher Nupen – Listening Through the Lens

Video: Jacqueline du Pré – Dvořák Cello Concerto – London Symphony Orchestra cond. Daniel Barenboim

Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch

Mstislav Rostropovich
Mstislav Rostropovich performs at the white house in Washington, DC in 1978

Der russische Virtuose Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch gilt als einer der bedeutendsten Cellisten der Geschichte. Seine vielseitige Karriere als Cellist, Dirigent, Pianist und Komponist machte ihn zu einer zentralen Figur der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts.

Mstislaw Rostropowitschs Biografie

Am 27. März 1927 in Baku geboren, wuchs Rostropowitsch in einer musikalischen Familie auf. Sein Vater Leopold war selbst Cellist und Schüler von Pablo Casals. Mit vier Jahren begann er Klavier zu spielen, mit acht Jahren folgte das Cellospiel. 1943 begann er sein Studium am Moskauer Konservatorium, wo er Cello, Klavier, Dirigieren und Komposition studierte. Zu seinen Lehrern zählten Dmitri Schostakowitsch und Sergei Prokofjew. Seinen internationalen Durchbruch erlebte er 1964 mit einem Konzert in Deutschland.

Aufgrund seiner Unterstützung für den Dissidenten Alexander Solschenizyn erhielt er 1970 Auftrittsverbote und wurde 1974 aus der Sowjetunion ausgebürgert. Von 1977 bis 1994 leitete er das National Symphony Orchestra in Washington. Erst 1990 wurde ihm die russische Staatsbürgerschaft wieder zuerkannt. Am 27. April 2007 starb er in Moskau.

Mstislaw Rostropowitschs Stil und Technik

Seine Spieltechnik zeichnete sich durch einen besonders voluminösen, orchestralen Klang aus. „Wenn ich spiele, höre ich nicht den Klang des Cellos, sondern den eines Orchesters“, erklärte er einmal. Bemerkenswert war seine Fähigkeit, den Klang je nach Komponist anzupassen. Seine Sensibilität für verschiedene Orchestrierungen und Klangfarben prägte sein Spiel maßgeblich.
Rostropowitsch übte überraschenderweise selten mehr als zwei Stunden täglich. Nach eigener Aussage hatten seine Finger „ein eigenes Gedächtnis“.

Mstislaw Rostropowitschs bedeutende Werke

Als Interpret setzte er sich besonders für zeitgenössische Komponisten ein. Er beteiligte sich an mehr als 100 Uraufführungen als Cellist und etwa 65 als Dirigent. Zahlreiche Komponisten widmeten ihm Werke, darunter Prokofjew, Schostakowitsch, Britten, Lutosławski, Penderecki und Gubaidulina. Sein Instrument war das berühmte Stradivari-Cello „Duport“ von 1711.

Mstislaw Rostropowitschs Einfluss auf die Musikgeschichte

Seinen Einfluss auf das Cello-Repertoire beschrieb Yo-Yo Ma treffend: „Wir Cellisten verdanken ihm vielleicht 40 Prozent unseres heutigen Repertoires.“ Zu seinen bekanntesten Schülern zählen Mischa Maisky, David Geringas und Natalia Gutman.

Neben seiner musikalischen Bedeutung war Rostropowitsch auch für sein politisches Engagement bekannt. Seine Auftritte für die Freiheit wurden legendär, wie etwa sein spontanes Konzert am Checkpoint Charlie einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer. Für seine künstlerischen und humanitären Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Presidential Medal of Freedom (1987) und den Lenin-Preis (1963).

Video: Dvorák – Concerto in B minor Op. 104 / Mstislav Rostropovich

Yo-Yo Ma

Yo-Yo Ma, Cellist
Source: Yo-Yo Ma – World Economic Forum Annual Meeting Davos 2008

Der chinesisch-amerikanische Virtuose Yo-Yo Ma zählt zu den vielseitigsten und innovativsten Cellisten unserer Zeit. Sein musikalisches Schaffen überschreitet bewusst kulturelle und stilistische Grenzen.

Yo-Yo Mas Biografie

Am 7. Oktober 1955 in Paris geboren, begann Yo-Yo Ma bereits mit vier Jahren unter der Anleitung seines Vaters Cello zu spielen. Seine Familie siedelte später nach New York über, wo er an der renommierten Juilliard School bei Leonard Rose studierte. Mit nur acht Jahren trat er bereits mit Leonard Bernstein im amerikanischen Fernsehen auf. Nach seiner musikalischen Ausbildung absolvierte Ma zusätzlich ein geisteswissenschaftliches Studium an der Harvard University.
Seit 1978 ist er mit Jill Horner verheiratet und hat zwei Kinder. Bemerkenswert ist auch seine Instrumentensammlung: Er spielt ein Montagnana-Cello von 1733 und das berühmte „Dawidow“-Stradivari-Cello von 1712, das zuvor Jacqueline du Pré gehörte.

Yo-Yo Mas Stil und Technik

Mas Spiel zeichnet sich durch seinen samtigen, etwas gedeckten Klang aus. Sein Stradivari-Cello produziert keine Schärfen, auch nicht in höheren Lagen, Kritiker beschreiben seinen Stil als „omnivorous“ (allesfressend) mit einem beeindruckenden Spektrum an dynamischen und klangfarblichen Abstufungen.
Besonders charakteristisch ist seine Fähigkeit, durch das Cello Geschichten zu erzählen. Er selbst erklärt: „Musik ist in der Lage, Zeit, Raum und Erinnerungen zu konservieren“. Im Gegensatz zu du Prés Frustration mit dem „unberechenbaren“ Stradivari-Cello betont Ma, dass dieses Instrument vom Spieler „umschmeichelt“ werden müsse.

Yo-Yo Mas bedeutende Werke

Seine Diskografie umfasst mehr als 120 Alben, darunter 19 Grammy-Gewinner. Neben klassischen Werken widmete er sich auch zahlreichen genreübergreifenden Projekten – von Tango-Stücken Astor Piazzollas bis hin zu Kollaborationen mit Bobby McFerrin. Ein Meilenstein seiner Karriere ist die dreimalige Einspielung von Bachs Cellosuiten, zuletzt unter dem Titel „Six Evolutions“.  Außerdem nahm er den Oscar-prämierten Soundtrack zu „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ von Tan Dun auf.

Yo-Yo Mas Einfluss auf die Musikgeschichte

Mas größter Beitrag liegt möglicherweise in seinem interkulturellen Engagement. Im Jahr 2000 gründete er das Silk Road Ensemble, das Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenbringt. Dieses Projekt schafft einen musikalischen Dialog zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident.

Darüber hinaus dient er als UN-Friedensbotschafter und war der erste Künstler im Verwaltungsrat des Weltwirtschaftsforums. Seine Philosophie fasst er so zusammen: „Kultur muss gleichberechtigt am Tisch sitzen neben der Wissenschaft, neben der Wirtschaft. Aber heute glaube ich, Kultur ist der Tisch“.

Video: Dvorák: Cello Concerto in B Minor / Yo-Yo Ma, cello / Calgary Philharmonic Orchestra

Emanuel Feuermann

Emanuel Feuermann, Cellist
Emanuel Feuermann, Cellist

Emanuel Feuermann gilt als einer der größten Revolutionäre des Cellospiels und wurde von Künstlern wie Arthur Rubinstein als „der größte Cellist aller Zeiten“ bezeichnet.

Emanuel Feuermanns Biografie

Geboren am 22. November 1902 in Kolomea, Österreich-Ungarn (heute Ukraine), stammte Feuermann aus einer musikalischen Familie. Obwohl sein Vater ihn lieber als Geiger gesehen hätte, entschied er sich nach einem Konzert von Pablo Casals für das Cello. Bereits mit elf Jahren führte er zusammen mit seinem älteren Bruder Siegmund Brahms‘ Doppelkonzert mit den Wiener Philharmonikern auf.
Mit nur 17 Jahren wurde er als jüngster Professor aller Zeiten an die Kölner Musikhochschule berufen. Zunächst arbeitete er auch als Solocellist im Gürzenich-Orchester und als Cellist des Bram-Eldering-Quartetts. 1929 folgte die Berufung an die Berliner Musikhochschule, allerdings musste er Deutschland 1933 aufgrund seiner jüdischen Abstammung verlassen.
Nach Konzertreisen durch Europa, Japan und Amerika ließ er sich schließlich in den USA nieder. Dort führte er in New York an vier Abenden 13 Cellokonzerte auf – ein Ereignis, das als „Ein-Mann-Revolution“ gefeiert wurde. Tragischerweise starb Feuermann am 25. Mai 1942 in New York im Alter von nur 39 Jahren infolge eines ärztlichen Behandlungsfehlers.

Emanuel Feuermanns Stil und Technik

Mit Feuermanns außergewöhnlich virtuosem Spiel rückte das Cello erstmals wirklich als Soloinstrument ins öffentliche Bewusstsein. Seine Farbpalette glich eher der der besten Geiger: Furchtlos erklomm er die höchsten Töne des Cellos, mühelos und elegant.
Tatsächlich wird Feuermann als Revolutionär des Cellospiels betrachtet, da seine stupende Technik es ihm ermöglichte, alle Spiel- und Artikulationsarten eines Geigers auf seinem Instrument anzuwenden. Darüber hinaus nahm er regelmäßig Virtuosenstücke für die Violine in seine Programme auf, die er entsprechend bearbeitete.
Jascha Heifetz bezeichnete ihn nicht umsonst als „Jahrhunderttalent“. Nach Feuermanns Tod weigerte sich Heifetz sogar sieben Jahre lang, Kammermusik mit Cello aufzuführen.

Emanuel Feuermanns bedeutende Werke

Feuermann spielte auf einem Cello von Domenico Montagnana und hatte ein bemerkenswert breites Repertoire. Er führte unter Thomas Beecham die Uraufführung von Arnold Schönbergs Konzert für Violoncello und Orchester D-Dur nach dem Concerto per Clavicembalo von Matthias Georg Monn auf.

Außerdem interpretierte er regelmäßig zeitgenössische Musik von Komponisten wie Artur Honegger, Paul Hindemith, Ernest Bloch und Ernst Toch, dessen Cellokonzert er 1925 uraufführte.

Zu Ehren Feuermanns wurde 2002 anlässlich seines 100. Geburtstags der Emanuel-Feuermann-Wettbewerb für Violoncello (gp-emanuelfeuermann.de) ins Leben gerufen, der alle vier Jahre in Berlin stattfindet.

Video: Dvorak: Cello Concerto in B minor op. 104 – Emanuel Feuermann, cello; Leon Barzin, direttore

Pierre Fournier

Pierre Fournier, Cellist
Pierre Fournier, Cellist

Der französische Meister Pierre Fournier wurde oft als „Aristokrat des Cellospiels“ bezeichnet – ein Titel, der sowohl seinen eleganten Spielstil als auch sein persönliches Auftreten treffend charakterisierte.

Pierre Fourniers Biografie

Pierre Léon Marie Fournier wurde am 24. Juni 1906 in Paris als Sohn eines französischen Armeeoffiziers geboren. Eine milde Form der Kinderlähmung in seiner Kindheit beeinträchtigte die Beweglichkeit seiner Beine, weshalb er vom Klavier, das seine Mutter ihm beibrachte, zum Cello wechselte. Zunächst erhielt er Unterricht von Odette Krettly und studierte später bei André Hekking und Paul Bazelaire. Mit nur 17 Jahren schloss er 1923 sein Studium am Pariser Konservatorium ab und wurde schnell als „le violoncelliste du futur“ (der Cellist der Zukunft) gefeiert.

Seine internationale Karriere begann 1925 mit Auftritten beim Orchester Concerts Colonne. Von 1937 bis 1949 unterrichtete er an der École Normale de Musique und am Pariser Konservatorium. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste er wegen seiner Auftritte im NS-kontrollierten „Radio Paris“ eine sechsmonatige Spielpause einlegen. Seine erste US-Tournee 1948 brachte ihm allerdings großen Erfolg in New York und Boston. 1956 verlegte er seinen Wohnsitz in die Schweiz, behielt jedoch seine französische Staatsbürgerschaft bei. Fournier starb am 8. Januar 1986 in Genf.

Pierre Fourniers Stil und Technik

Fournier war bekannt für seinen warmen, singenden Ton und sein uneitles, schnörkelloses Spiel. Sein Cellospiel zeichnete sich durch eine poetische Ausdruckskraft aus, die selbst Klassikfans ohne besondere Nähe zum Cello in seinen Bann zog. Besonders charakteristisch war seine absolute Fokussiertheit – wenn er spielte, schien alles um ihn herum zu verschwinden.

Im Gegensatz zu anderen Virtuosen bewahrte Fournier stets das richtige Maß zwischen technischer Perfektion und emotionalem Ausdruck. Dadurch verlieh er jedem Werk, das er interpretierte, Klarheit und natürliche Eleganz.

Pierre Fourniers bedeutende Werke

Zu seinen herausragendsten Einspielungen zählt seine legendäre Interpretation der Cellosuiten von Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 1961. Dieser Aufnahme gelang es, den Werken eine Farbintensität zu verleihen, die bis heute nichts von ihrer überwältigenden Suggestivkraft verloren hat.

Darüber hinaus setzte er sich besonders für Camille Saint-Saëns‘ erstes Cellokonzert ein, das jahrelang unterschätzt worden war. Auch seine Interpretationen der Werke von Dvořák unter der Leitung von István Kertész gehören zu den bemerkenswertesten Aufnahmen der Klassikgeschichte.

Fournier spielte im Laufe seiner Karriere auf drei verschiedenen Instrumenten: einem Jean-Baptiste Vuillaume von 1863, einem Matteo Goffriller von 1722 und in seinen letzten 18 aktiven Jahren auf einem seltenen Charles Adolphe Maucotel von 1849.

Video: Fournier – Saint Saens, Cello concerto in A minor

Gregor Piatigorsky

Cellist Gregor Piatigorsky
Photo source: Stringsmagazine.com

Der ukrainischstämmige Gregor Piatigorsky gehörte mit Pablo Casals und Emanuel Feuermann zu den einflussreichsten Cellisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und genießt bis heute Kultstatus in der Welt des Violoncellos.

Gregor Piatigorskys Biografie

Am 17. April 1903 in Jekaterinoslaw (heute Dnipro, Ukraine) in eine jüdische Familie geboren, erhielt Piatigorsky mit sieben Jahren sein erstes Cello. Zunächst lernte er bei seinem Vater, bevor er ein Stipendium für das Moskauer Konservatorium erhielt. Als 14-Jähriger erkämpfte er sich bereits die Position des Solocellisten am Moskauer Bolschoi-Theater und spielte im Lenin-Quartett.
Nach einer dramatischen Flucht aus der Sowjetunion 1921 studierte er bei Julius Klengel in Leipzig und Hugo Becker in Berlin. Ein Wendepunkt seiner Karriere kam 1924, als Wilhelm Furtwängler ihn als Solocellisten zu den Berliner Philharmonikern holte. Fünf Jahre später verließ er das Orchester, um sich auf seine Solokarriere zu konzentrieren.

1937 heiratete er Jacqueline de Rothschild aus der bekannten Bankiersfamilie. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs floh das Paar in die USA, wo Piatigorsky an verschiedenen Universitäten unterrichtete, darunter dem Curtis Institute und der University of Southern California. Er starb am 6. August 1976 in Los Angeles an Krebs.

Gregor Piatigorskys Stil und Technik

Trotz seiner hünenhaften Gestalt spielte Piatigorsky mit einer einzigartigen Mischung aus Brillanz, Kraft, Gefühl und Humor. Als extrovertierter Künstler stand er im Kontrast zu seinem zurückhaltenden Kammermusikpartner Jascha Heifetz. Gemeinsam schafften sie es jedoch, die Luft zum Flimmern zu bringen, wenn sie zusammen spielten. Besonders charakteristisch war Piatigorskys Anpassungsfähigkeit als Kammermusiker. Seine Interpretation des Soloparts in Richard Strauss‘ „Don Quixote“ beeindruckte sogar den Komponisten selbst, der nach einer Aufführung 1932 schwärmte: „Ich habe immer geträumt, das Portrait meines Helden so gespielt zu hören.“

Gregor Piatigorskys bedeutende Werke

Zusammen mit Heifetz und Arthur Rubinstein bildete Piatigorsky das legendäre „Million Dollar Trio“, das in den 1950er Jahren für ausverkaufte Konzertsäle sorgte. Darüber hinaus inspirierte sein Spiel zahlreiche Komponisten wie Paul Hindemith, Lukas Foss und Igor Strawinsky, für das Violoncello zu schreiben.
An Strawinskys „Suite Italienne“ arbeitete Piatigorsky sogar persönlich mit. Zu seinen berühmtesten Einspielungen zählt das Cellokonzert von William Walton, das er in Auftrag gegeben hatte und 1957 mit dem Boston Symphony Orchestra unter Charles Munch aufführte.

Video: An Afternoon with Gregor Piatigorsky. A documentary film about famed cellist, Gegor Piatigorsky

Video: Gregor Grisha Piatigorsky – Swan, From Carnegie Hall

Daniil Borissowitsch Schafran

Grabstein Daniil Schafran
Bildquelle: Wikipedia

Der sowjetische Künstler Daniil Borissowitsch Schafran bleibt bis heute einer der originellsten und unverwechselbarsten Vertreter der russischen Celloschule, dessen einzigartiger Spielstil ihn von anderen berühmten Cellisten seiner Zeit deutlich abhob.

Daniil Shafrans Biografie

Daniil Schafran wurde am 13. Januar 1923 in Petrograd (später Leningrad, heute Sankt Petersburg) geboren. Er stammte aus einer musikalischen Familie – sein Vater Boris war erster Cellist der Sankt Petersburger Philharmonie und seine Mutter Frida Moiseyevna war Pianistin. Zunächst erhielt er Unterricht von seinem Vater, bevor er ab 1933 von Alexander Shtrimer am Leningrader Konservatorium ausgebildet wurde.
Sein Konzertdebüt mit Tschaikowskis Rokoko-Variationen unter Albert Coates brachte ihm den Ruf eines Wunderkindes ein. Ein entscheidender Moment seiner Karriere kam 1937, als er trotz seines jungen Alters am sowjetischen Unionswettbewerb teilnahm und den ersten Preis gewann – ein auf 1630 datiertes Antonio-Amati-Cello, das ihn sein Leben lang begleiten sollte. Während des Zweiten Weltkriegs zog er als 20-Jähriger nach Moskau und wurde Solist bei der Philharmonischen Gesellschaft.

Zwischen 1949 und 1953 errang er mehrere bedeutende Auszeichnungen, darunter 1949 zusammen mit Rostropowitsch den ersten Preis bei den Weltfestspielen der Jugend in Budapest. Schafran starb am 7. Februar 1997 in Moskau.

Daniil Shafrans Stil und Technik

Schafrans Spieltechnik war alles andere als konventionell. Besonders bemerkenswert war seine Verwendung aller fünf Finger einschließlich des Daumens – nicht nur in schnellen technischen Passagen, sondern auch in melodischen Abschnitten mit Vibrato. Auf die Frage nach seinem Daumengebrauch antwortete er einmal: „Gott gab uns fünf Finger. Warum sollten wir nicht alle nutzen?“.
Das auffälligste und am häufigsten imitierte Ausdrucksmittel Schafrans war sein einzigartiges Vibrato, das ihn von anderen Cellisten unterschied. Mit seinen massiven Fingerspitzen, die eine große Fläche der Saite bedeckten, konnte sein Vibrato eine fast elektrische Geschwindigkeit erreichen – ein Markenzeichen, das bei Fans als „Schafranism“ bekannt wurde.
Darüber hinaus bevorzugte er, mit lockererem Bogenhaar zu spielen und variierte die Neigung des Stocks mit Hilfe seiner rechten Hand. Durch weniger Haar im unteren Viertel des Bogens erreichte Schafran eine gleichmäßige Verteilung des Armgewichts, was zu einem ausgewogenen Klang über den gesamten Bogen führte.

Daniil Shafrans bedeutende Werke

1956 nahm er eine legendäre Einspielung der Schostakowitsch-Cellosonate mit dem Komponisten am Klavier auf. Beeindruckt von seinen Fähigkeiten, widmete ihm Dmitri Kabalevsky sein zweites Cellokonzert, dessen Uraufführung Schafran 1965 spielte. Seine Interpretation der Bach-Cellosuiten zeigt Schafrans außergewöhnliche technische Beherrschung und seinen unverwechselbaren Stil. Allerdings blieb sein internationaler Ruhm begrenzt, da er außerhalb des Ostblocks vergleichsweise selten auftrat.

Steven Isserlis fasste Schafrans Bedeutung treffend zusammen: „Als Cellist und Musiker war Schafran unvergleichlich. Zu einer Zeit, in der musikalische Stile konvergieren, blieb Schafrans Stimme einzigartig. Sein Vibrato, seine Phrasierung, sein Rhythmus gehörten zu einem einzigartigen Ganzen; seine erstaunliche Virtuosität vermittelte eine musikalische Persönlichkeit, die die Leidenschaft, die Einfachheit und die Poesie eines großen russischen Volkssängers bewahrte“.

Video: Daniil Shafran – Schubert’s Ave Maria

Natalia Grigorjewna Gutman

Natalia Gutmann, Cellistin
Frank Höhler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die russische Künstlerin Natalia Gutman zählt zu den tiefgründigsten Interpreten auf dem Violoncello, deren zurückhaltende Art einen bemerkenswerten Kontrast zu ihrem ausdrucksstarken Spiel bildet.

Natalia Gutmans Biografie

Natalia Grigorjewna Gutman wurde am 14. November 1942 in Kasan geboren und wuchs später in Moskau auf. Bereits mit fünf Jahren begann sie Cello zu spielen und gab als Neunjährige ihr erstes Konzert. Ihr musikalisches Talent wurde zunächst von ihrem Großvater Anisim Berlin, einem Geiger und Schüler von Leopold Auer, gefördert. Nach 13 Jahren Unterricht bei Professorin Galina Kossopulowa studierte sie ab 1964 bei Mstislaw Rostropowitsch am Moskauer Konservatorium.
Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie 1967 mit dem ersten Preis beim ARD-Wettbewerb in München. Bereits zuvor hatte sie 1962 im Alter von nur 19 Jahren den dritten Preis beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau gewonnen. Zwei Jahre nach ihrem ARD-Erfolg debütierte sie in der New Yorker Carnegie Hall. Von 1991 bis 2004 unterrichtete Gutman als Professorin an der Musikhochschule Stuttgart.

Natalia Gutmans Stil und Technik

Gutmans Spiel zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Expressivität und einen tief nach innen blickenden Charakter aus. Der Pianist Swjatoslaw Richter, einer ihrer wichtigsten Mentoren, bezeichnete sie einmal als „Inkarnation der Wahrhaftigkeit in der Musik“. Diese Beschreibung trifft den Kern ihrer künstlerischen Persönlichkeit – eine Cellistin, die nicht durch technische Effekte beeindruckt, sondern durch absolute musikalische Ehrlichkeit.
Im Laufe ihrer Karriere arbeitete sie mit namhaften Dirigenten wie Claudio Abbado, Riccardo Muti und Kurt Masur zusammen. Besonders bemerkenswert waren ihre Kammermusikpartnerschaften mit Martha Argerich, Jewgeni Kissin und natürlich ihrem Ehemann, dem Geiger Oleg Kagan.

Natalia Gutmans bedeutende Werke

Neben dem Standardrepertoire widmete sich Gutman intensiv der zeitgenössischen Musik. Ihre Interpretationen regten Komponisten wie Edison Denissow, Sofia Gubaidulina und Alfred Schnittke an, neue Werke für Cello zu schreiben. Schnittke widmete ihr sogar sein erstes Cellokonzert sowie eine Sonate.
Gemeinsam mit ihrem Mann Oleg Kagan gründete sie 1990 das Musikfestival in Wildbad Kreuth am Tegernsee. Nach Kagans frühem Tod im selben Jahr wurde es als „Oleg-Kagan-Musikfest“ bis 2012 weitergeführt. Darüber hinaus initiierte sie von 1992 bis 2002 zusammen mit Claudio Abbado die Kammermusikreihe „Berliner Begegnungen“, die jungen Musikern Auftrittsmöglichkeiten bot. Für ihre künstlerischen Verdienste erhielt Gutman 2005 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Video: Bach cello suite 1 Natalia Gutman

Heinrich Schiff

Heinrich Schiff, Cellist
Source: Timothy Judd, The Listeners‘ Club

Der österreichische Künstler Heinrich Schiff beeindruckte die Musikwelt mit seiner brennenden Intensität und galt als einer der energetischsten Interpreten auf dem Violoncello.

Heinrich Schiffs Biografie

Mit besten Wünschen, Dein HeiniHeinrich Schiff wurde am 18. November 1951 in Gmunden, Oberösterreich, als Sohn musikalischer Eltern geboren. Beide, Helmut Schiff und Helga Riemann (Enkelin des berühmten Musiktheoretikers Hugo Riemann), waren als Komponisten tätig. Mit sechs Jahren erhielt er ersten Klavierunterricht, bevor er sich mit zehn Jahren dem Cello zuwandte. Zunächst studierte er bei Tobias Kühne in Wien und später bei André Navarra in Detmold. Sein Debüt feierte er 1971 in Wien und London. Daraufhin entwickelte sich seine Karriere unaufhaltsam. Bemerkenswert ist auch, dass Schiff auf zwei außergewöhnlichen Instrumenten spielte: dem Mara-Cello von Stradivari (1711) und dem als The Sleeping Beauty bekannten Montagnana-Cello (1739).

Heinrich Schiffs Stil und Technik

Schiffs Spiel kennzeichnete eine ungewöhnliche Kombination aus technischer Brillanz und emotionaler Tiefe. Der Journalist Wolfram Goertz beschrieb seinen intensiven Stil treffend: „An einem Abend konnte er einen ganzen Wald absägen.“ Tatsächlich setzte Schiff sein technisches Können nie ein, um Musik besonders unantastbar darzustellen, sondern um sie von innen heraus zu entfalten. Allerdings forderte diese Intensität ihren Preis – ab 2012 konnte er aufgrund von Schmerzen im rechten Arm und an der Schulter nicht mehr den Bogen führen.

Heinrich Schiffs bedeutende Werke

Sein Repertoire umfasste sowohl die großen Standardwerke als auch zeitgenössische Kompositionen. Sein Bach war eloquent und intensiv. Darüber hinaus interpretierte er Werke von Dvořák, Haydn, Elgar und Schostakowitsch. Für seine Einspielung der Solosuiten von Bach und der beiden Cellokonzerte von Schostakowitsch erhielt er den Grand Prix du Disque. Zahlreiche Komponisten wie Lutosławski, Henze, Rihm und Friedrich Gulda schrieben Werke speziell für ihn.

Heinrich Schiffs Einfluss auf die Musikgeschichte

Nach dem Ende seiner Solokarriere widmete sich Schiff verstärkt dem Dirigieren und der Lehrtätigkeit. Er unterrichtete zunächst an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, später an der Universität Basel, dem Mozarteum in Salzburg und der Universität für Musik in Wien. Zu seinen Schülern zählen bedeutende Cellisten wie Julian Steckel, Valentin Radutiu und Christian Poltéra. Heinrich Schiff starb am 23. Dezember 2016 nach schwerer Krankheit in einem Wiener Krankenhaus.

Video: Friedrich Gulda – Concerto for Cello and Wind Orchestra (1988), Heinrich Schiff & Munich Philharmonic Orchestra

Steven Isserlis

Steven Isserlis, Cellist
Kronbergacademy, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (cropped)

Der britische Künstler Steven Isserlis verkörpert mit seinem vielseitigen Wirken einen seltenen Musiker-Typus: nicht nur Cellist, sondern zugleich Autor, Pädagoge und musikalischer Entdecker.

Steven Isserlis‘ Biografie

Geboren am 19. Dezember 1958 in London, stammt Isserlis aus einer außergewöhnlichen Musikerfamilie. Sein Großvater war der russische Komponist Julius Isserlis, und nach seinen eigenen Angaben lässt sich sein Stammbaum auf Felix Mendelssohn, Karl Marx und Helena Rubinstein zurückverfolgen. Zwischen 1969 und 1976 studierte er am International Cello Centre bei Jane Cowan, wo er nicht nur musikalisch, sondern auch intellektuell geschult wurde – etwa durch die Beschäftigung mit Goethes Faust, um Beethovens Musik besser zu verstehen. Anschließend setzte er seine Ausbildung am Oberlin Conservatory of Music fort, bevor er 1977 sein Londoner Debüt feierte.

Steven Isserlis‘ Stil und Technik

Isserlis wird weltweit für seine mühelose Spieltechnik und tiefgründige Musikalität gefeiert. Besonders bemerkenswert ist seine ungewöhnliche Vielseitigkeit. Einerseits widmet er sich intensiv der historischen Aufführungspraxis und musiziert mit führenden Barockensembles wie dem Orchestra of the Age of Enlightenment. Andererseits zeigt er eine ebenso große Leidenschaft für zeitgenössische Musik und hat mit Komponisten wie John Tavener, Wolfgang Rihm, Thomas Adès und György Kurtág zusammengearbeitet.
Darüber hinaus zeichnet ihn ein charakteristisches Klangbild aus. Bei seiner Interpretation der Britten-Suite liefert er beispielsweise „eine ungeschönte, expressive Lesart“. In seinen Aufnahmen kann er „das Cello singen, frei atmen und, umgekehrt, kurzatmig knurren lassen“.

Steven Isserlis‘ bedeutende Werke

Zu seinen bedeutendsten Einspielungen zählt die Gesamtaufnahme der Bach-Cellosuiten, die vom Gramophone-Magazin als „Instrumental Album of the Year“ ausgezeichnet wurde. Außerdem erwähnenswert ist sein Album „The Cello in Wartime“, für das er ein ungewöhnliches Instrument nutzte – ein zerlegbares „Graben-Cello“ aus dem Ersten Weltkrieg.
Neben seiner Konzerttätigkeit hat Isserlis mehrere Kinderbücher verfasst, darunter „Warum Händel mit Hofklatsch hausierte“ und „Warum Beethoven mit Gulasch um sich warf“. Diese spiegeln seinen berühmten britischen Humor wider, der gemeinsam mit seiner charakteristischen Lockenmähne zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Video: Dvořák: Cello Concerto / Isserlis · Gilbert · Berliner Philharmoniker

Mischa Maisky

Mischa Maisky, Cellist
© Jörgens.mi, wikimedia.org

Der lettisch-israelische Cellist Mischa Maisky verbindet in seiner Kunst zwei große Traditionen des Cellospiels und bezeichnet sich selbst als „Weltbürger“. Als einziger Cellist weltweit genoss er den Unterricht sowohl bei Mstislaw Rostropowitsch als auch bei Gregor Piatigorsky.

Mischa Maiskys Biografie

Geboren am 10. Januar 1948 in Riga in eine musikalische jüdische Familie, zeigte Maisky früh sein außergewöhnliches Talent. Mit 17 Jahren wurde er von Rostropowitsch ans Moskauer Konservatorium geholt. Allerdings nahm seine Karriere eine dramatische Wendung, als er 1970 aufgrund der Emigration seiner Schwester nach Israel für 18 Monate in einem Arbeitslager inhaftiert wurde. Ein befreundeter Arzt überwies ihn schließlich in eine Nervenheilanstalt, wodurch er dem Militärdienst entkam.
Der 7. November 1972 markiert seinen „zweiten Geburtstag“ – den Tag seiner Ausreise nach Israel. Später studierte er bei Piatigorsky an der University of Southern California. Seit 1982 steht Maisky bei der Deutschen Grammophon unter Vertrag. Heute lebt er mit seiner Familie in Belgien.

Mischa Maiskys Stil und Technik

„Wenn man das Herz der Menschen erreichen will, muss es auch selbst von Herzen kommen“, erklärt Maisky seine Philosophie. Tatsächlich wird er oft als „Romantiker“ unter den Cellisten bezeichnet. Akademische Fingerübungen und Musik des 20. Jahrhunderts interessieren ihn weniger – er brennt für die Romantik.
Von seinen Lehrern lernte er: „Das Cello ist nur ein Instrument. Etwas, das uns hilft, das richtige Ziel zu erreichen. Und dieses Ziel ist die Musik“. Darüber hinaus fällt Maisky durch seine bunten Hemden und auffälligen Outfits auf – eine praktische Entscheidung, da er beim Spielen stark schwitzt.

Mischa Maiskys bedeutende Werke

Maisky spielt seit 1973 auf einem Domenico Montagnana-Cello aus dem 18. Jahrhundert. Seine Diskographie umfasst Werke von Bach bis Schostakowitsch. Besonders bemerkenswert ist, dass er der einzige Cellist ist, den die Deutsche Grammophon bat, sämtliche Cello-Werke Bachs aufzunehmen.

Zu seinen bedeutendsten Einspielungen zählen:

  • Das Doppelkonzert von Brahms mit Gidon Kremer unter Leonard Bernstein (1982)
  • Seine zweimalige Aufnahme der Bach-Suiten (1985 und 1999)
  • Die Cellokonzerte von Dvořák (mit Bernstein und später mit Mehta)

Auch als Kammermusiker glänzt Maisky mit Partnern wie Martha Argerich, Radu Lupu und Gidon Kremer.

Video: Mischa Maisky plays Bach Cello Suite No.1 in G

Paul Tortelier

Paul Tortelier, Cellist
Foto: Youtube.com

Der französische Cellist Paul Tortelier prägte mit seiner einzigartigen Spielhaltung und pädagogischen Leidenschaft eine ganze Generation von Cellisten. Der am 21. März 1914 in Paris geborene Künstler erlangte sowohl als Interpret als auch als Lehrer Weltruhm.

Paul Torteliers Biografie

Zunächst erhielt Tortelier von frühester Kindheit an musikalische Förderung durch seine Eltern. Sein bretonischer Vater, ein Zimmermann, spielte selbst Violine und Mandoline, während seine Mutter das Cello liebte und ihren Sohn unbedingt zu einem Cellisten erziehen wollte. Mit zwölf Jahren trat er ins Pariser Konservatorium ein und studierte bei Louis Feuillard und später bei Gérard Hekking.
Nach ersten Orchestererfahrungen beim Orchestre Lamoureux spielte er von 1935 bis 1937 im Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter Dirigenten wie Toscanini und Walter. Ein Wendepunkt seiner Karriere kam, als Richard Strauss in Monte-Carlo sein symphonisches Gedicht Don Quixote dirigierte und Tortelier die Solo-Cello-Partie übernahm. 1950 wurde er von Pablo Casals zum ersten Festival de Prades eingeladen, was entscheidend zu seinem Durchbruch beitrug.

Paul Torteliers Stil und Technik

Besonders bemerkenswert war Torteliers selbst entwickelte Cellohaltung. Er hielt das Instrument beim Spielen fast horizontal, ermöglicht durch einen abgeknickten Stachel, den sogenannten „Pique Tortelier“. Seinen französischen Spielstil erklärte er selbst mit einer „subtilen, nervösen“ Bogenhand. Der fragile, elegante und sehr freie Ton wurde also von der rechten Hand generiert.
Trotz seiner französischen Herkunft war Tortelier nie besonders angetan von französischer Musik. Allerdings verfügte er über die Fähigkeit, sich jedem Stil anzupassen.

Paul Torteliers bedeutende Werke

Tatsächlich blieb die Musik Johann Sebastian Bachs zeitlebens ein Fix- und Angelpunkt von Torteliers musikalischem Denken. Seine Einspielungen, unter anderem Bachs Cellosuiten, erschienen bei EMI und Erato. Außerdem spielte er in der ersten Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Richard Strauss unter Rudolf Kempe den Solopart in Don Quixote.
Darüber hinaus bildete er mit Arthur Rubinstein und Isaac Stern ein berühmtes Trio. Als Pädagoge unterrichtete er am Pariser Konservatorium (1956-1969), an der Folkwanghochschule in Essen (1969-1975) und am Konservatorium von Nizza (1978-1980). Zu seinen Schülern zählte Jacqueline du Pré, deren Trauzeuge er bei ihrer Hochzeit mit Daniel Barenboim war.

Paul Tortelier starb am 18. Dezember 1990 im Alter von 76 Jahren an einem Herzinfarkt im Schloss Villarceaux, während er einen Kurs für junge Musiker abhielt.

Video: Paul Tortelier, Paganini – Variations on a theme from “Moses in Egypt“

Alisa Weilerstein

Alisa Weilerstein, Cellistin
Doto Source: Youtube

Die amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein repräsentiert eine neue Generation herausragender Instrumentalisten, deren tiefgründige Interpretationen die klassische Musikwelt bereichern.

Alisa Weilersteins Biografie

Alisa Weilerstein wurde am 14. April 1982 in Rochester, New York, in eine musikalische Familie geboren. Bereits im Alter von vier Jahren begann sie mit dem Cellospiel. Ihr öffentliches Debüt feierte sie mit nur 13 Jahren beim Cleveland Orchestra mit Tschaikowskis Rokoko-Variationen. Mit 15 Jahren trat sie erstmals in der Carnegie Hall auf. Nach ihrer Ausbildung im Young Artist Program am Cleveland Institute of Music schloss sie 2004 an der Columbia University in New York ihr Studium im Fachbereich Russland mit einem BA ab.
Im Alter von neun Jahren wurde bei Weilerstein Typ-1-Diabetes diagnostiziert, weshalb sie sich heute als überzeugte Verfechterin der T1D-Gemeinschaft engagiert. Sie ist mit dem venezolanischen Dirigenten Rafael Payare verheiratet und lebt mit ihren zwei Kindern in San Diego und Montréal.

Alisa Weilersteins Stil und Technik

Weilersteins Spiel zeichnet sich durch eine außergewöhnliche emotionale Tiefe und interpretatorische Kraft aus. Im Jahr 2011 würdigte die MacArthur Foundation ihr Talent mit einem „Genius Grant“-Stipendium. Die New York Times beschrieb ihre Herangehensweise treffend: „Weilerstein ist eine Reminiszenz an ein früheres Zeitalter klassischer Interpreten: Sie begnügt sich nicht damit, als Gefäß für die Wünsche des Komponisten zu dienen, sondern nimmt ein Stück vollständig in sich auf und macht es zu ihrem eigenen Zweck“.

Bemerkenswert ist zudem die tiefe Verbindung zu ihrem Instrument. Die Los Angeles Times stellte fest: „Weilersteins Cello ist ihr Ich. Sie erweckt nicht den Eindruck, dass das Musizieren überhaupt einen Willen beinhaltet. Sie und das Cello scheinen einfach ein und dasselbe zu sein“.

Alisa Weilersteins bedeutende Werke

Weilersteins Diskografie umfasst eine beeindruckende Bandbreite. Ihre Einspielung der Cellokonzerte von Edward Elgar und Elliott Carter mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim wurde von BBC Music zur „Recording of the Year 2013“ gekürt. Außerdem nahm sie das Dvořák-Cellokonzert mit der Tschechischen Philharmonie auf, das an die Spitze der klassischen Charts in den USA kletterte.

Besonders erwähnenswert ist ihr aktuelles, mehrere Spielzeiten umfassendes Projekt „FRAGMENTS“, bei dem sie die sechs Cellosuiten von Bach multisensorisch präsentiert und durch 27 neue Auftragswerke erweitert. Als Verfechterin zeitgenössischer Musik hat sie wichtige neue Werke von Komponisten wie Pascal Dusapin, Osvaldo Golijov, Matthias Pintscher und Joan Tower uraufgeführt.

Video: Schumann’s Cello Concerto in A minor, op. 129 Featuring Alisa Weilerstein

Schlussfolgerung

Die Reise durch die Geschichte der größten Cellisten offenbart eine faszinierende Entwicklung des Instruments und seiner Interpreten. Jeder dieser Künstler brachte einzigartige Beiträge zur Cellowelt – von Pablo Casals‘ bahnbrechender Wiederentdeckung der Bach-Suiten bis zu Alisa Weilersteins innovativem „FRAGMENTS“-Projekt. Tatsächlich lässt sich erkennen, wie das Cello dank dieser Meister vom Begleitinstrument zum ausdrucksstarken Soloinstrument aufstieg.

Besonders bemerkenswert erscheint die Vielfalt der Spielstile. Während Daniil Shafran mit seinem charakteristischen „Schafranism“-Vibrato beeindruckte, revolutionierte Anner Bylsma die historische Aufführungspraxis. Ebenso unterschiedlich gestalteten sich die persönlichen Wege dieser Künstler – von Rostropowitschs politischem Exil bis zu Jacqueline du Prés tragisch verkürzter Karriere.

Die technischen Innovationen dieser Cellisten prägen nach wie vor die heutige Ausbildung. Emanuel Feuermanns revolutionäre Technik, Torteliers unverwechselbare Spielhaltung oder Yo-Yo Mas genreübergreifender Ansatz – sie alle erweiterten die Grenzen des Instruments. Dadurch entstanden neue Spieltechniken und ein größeres Repertoire für nachfolgende Generationen.

Gleichzeitig gilt: Das Erbe dieser 14 Legenden lebt nicht nur in Aufnahmen weiter. Heinrich Schiffs pädagogisches Wirken, Rostropowitschs zahlreiche Uraufführungen und Gutmans Festival-Gründungen hinterlassen bleibende Spuren in der Musikwelt. Zweifelsohne bilden ihre Interpretationen, pädagogischen Methoden und persönlichen Geschichten einen unerschöpflichen Inspirationsquell für angehende Cellisten.

Die Evolution des Cellos und seiner größten Interpreten unterstreicht letztendlich eine zentrale Wahrheit: Ungeachtet der technischen Meisterschaft bleibt die Fähigkeit, durch Musik zu berühren und zu bewegen, das verbindende Element aller großen Cellisten – ein Erbe, das kommende Generationen von Musikern und Hörern gleichermaßen bereichern wird.

FAQs

Q1. Wer gilt als einer der größten Cellisten aller Zeiten?
Pablo Casals wird oft als einer der bedeutendsten Cellisten der Geschichte angesehen. Er revolutionierte das Cellospiel und machte Bachs Cellosuiten weltbekannt.

Q2. Welche Cellistin wird als eine der einflussreichsten des 20. Jahrhunderts betrachtet?
Jacqueline du Pré gilt als eine der wichtigsten Cellistinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre leidenschaftlichen Interpretationen, besonders von Elgars Cellokonzert, prägten nachfolgende Generationen.

Q3. Welcher zeitgenössische Cellist ist für seine kulturübergreifende Arbeit bekannt?
Yo-Yo Ma ist für seine genreübergreifenden Projekte bekannt, insbesondere das Silk Road Ensemble (silkroad.org), das Musiker aus verschiedenen Kulturen zusammenbringt.

Q4. Welche technischen Innovationen haben berühmte Cellisten eingeführt?
Viele Cellisten haben die Spieltechnik weiterentwickelt. Beispielsweise revolutionierte Emanuel Feuermann die Virtuosität auf dem Instrument, während Paul Tortelier eine spezielle Cellohaltung entwickelte.

Q5. Wie hat sich das Repertoire für Cello durch diese Künstler erweitert?
Legendäre Cellisten wie Mstislav Rostropovich haben zahlreiche zeitgenössische Werke in Auftrag gegeben und uraufgeführt. Dadurch wurde das Repertoire für Cello im 20. und 21. Jahrhundert erheblich erweitert. Friedrich Gulda hat sein Cellokonzert speziell für Heinrich Schiff komponiert.

Hier noch  einmal alle 14 Cellisten nach Geburtsjahr geordnet. Alle Namen sind mit den dazugehörigen, deutschen Wikipediaseiten verlinkt:

Pablo Casals 1876
Emanuel Feuermann 1902
Gregor Piatigorsky 1903
Pierre Fournier 1906
Paul Tortelier 1914
Daniil Shafran 1923
Mstislav Rostropovich 1927
Natalia Gutman 1942
Jacqueline du Pré 1945
Mischa Maisky 1948
Heinrich Schiff 1951
Yo-Yo Ma 1955
Steven Isserlis 1958
Alisa Weilerstein 1982

Referenzen

Youtube: Daniil Shafran plays Bach 6 suites for cello solo CD1
Biography – Daniil Shafran
Alisa Weilerstein
Zeit.de „Ich habe einen Traum : Yo-Yo Ma“
Deutschlandfunk.de: Cellist Yo-Yo Ma in Leipzig
Replacing shifts with a stretch: Daniil Shafran’s left-hand technique
srf.ch: „Der Mann, der sein Cello reden lässt“
oe1.orf.at – „Eine Königin des Cellos“ Natalia Gutman zum 80. Geburtstag
Kronberg Academy Stiftung: „Steven Isserlis, Violoncello“
Deutsche Grammophon – Der Romantiker des Cellos – „10 Classic Albums“ von Mischa Maisky
Impresariat Simmenauer „Alisa Weilerstein Cello
Dresdner Philharmonie: „Alisa Weilerstein“

Cello.icu 😉

Berühmte Geiger

 

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