Von Zigeunermelodien zu Meisterwerken

Von Zigeunermelodien zu Meisterwerken: Der Weg der Ungarischen Tänze

Von Zigeunermelodien zu Meisterwerken
Brahms ungarische Tänze sind ein wahres musikalisches Phänomen – er komponierte gleich 21 Tänze im Stil ungarischer Folklore. Diese Werke gehören zu seinen effektvollsten und eingängigsten Kompositionen. Wenn wir heute über ungarische Musik sprechen, denken wir oft zuerst an diese mitreißenden Melodien.

Was viele nicht wissen: Die ungarische Musik hat eine faszinierende Geschichte. Tatsächlich hielt Franz Liszt die geigenspielenden Zigeuner für die eigentlichen Schöpfer der ungarischen Nationalmusik. Die Zigeunermusik basiert bis heute auf ungeschriebener Überlieferung, und Improvisation ist ihr von Natur aus eigen. Auch andere bedeutende Komponisten wie Zoltán Kodály wurden stark von ungarischen Musiktraditionen beeinflusst und machten sich besonders durch Vokal- und Chormusik sowie einige Orchesterwerke einen Namen. In diesem Artikel möchte ich euch den Weg von den ursprünglichen Zigeunermelodien bis zu den weltberühmten ungarischen Tänzen von Johannes Brahms näherbringen.

Die Ursprünge: Volksmusik und Zigeunermelodien

Gypsy violins book
John Brenkacs Hungarian Gypsy Orchestra. Unbekannter Autor, via Wikimedia Commons

Die ungarische Volksmusik hat tiefe Wurzeln, die weit in die Geschichte zurückreichen. Wer die Ungarischen Tänze von Brahms wirklich verstehen möchte, muss zunächst einen Blick auf ihre musikalischen Ursprünge werfen. Interessanterweise stammen die Magyaren wahrscheinlich von den ugrischen Völkern aus dem Wolgagebiet und jenseits des Uralgebirges ab, eine Völkerwanderung, die vor über 2.000 Jahren begann und 896 die Karpaten erreichte.

Die Rolle der ungarischen Sprache im Rhythmus

Der charakteristische ungarische Rhythmus basiert auf einer Besonderheit: In der ungarischen Sprache wird stets die erste Silbe eines Wortes betont. Dieser abtaktige statt auftaktige Betonungsmuster prägt die Musik fundamental. Besonders auffällig sind die punktierten Rhythmen, die als direkte Reaktion auf diese ungewöhnlichen Betonungsmuster entstanden. Diese rhythmische Eigenart verleiht der ungarischen Musik ihre unverwechselbare Dynamik und war später auch in Brahms‘ Ungarischen Tänzen deutlich zu hören.

Pentatonik und Parlando-Rubato-Stil

Die älteste Schicht ungarischer Volksmusik zeichnet sich vor allem durch vier Eigenschaften aus, wobei die Pentatonik besonders hervortritt. Diese fünfstufige Tonleiter ohne Halbtonintervalle ermöglicht eingängige Melodien, bei denen jeder Ton mit jedem anderen harmoniert. Ein klassisches Beispiel für die ungarische Pentatonik ist „Ropulj Pava“ (Fliege Pfau, flieg), das vielen Ungarn aus Schulliederbüchern bekannt ist.

flieg pfau flieg

Darüber hinaus prägt der Parlando-Rubato-Stil die traditionelle ungarische Musik. Dieser Stil zeichnet sich durch freie, sprachähnliche Rhythmen aus und verleiht den Melodien eine natürliche, fließende Qualität. Die Quintverschiebung, bei der eine vier- oder achttaktige Phrase eine Quinte tiefer wiederholt wird, ist ebenfalls ein typisches Merkmal.

Instrumente wie Zymbal und Geige

In der ungarischen Volksmusik spielen bestimmte Instrumente eine zentrale Rolle. Das Zymbal, ein mit Saiten bespanntes Brett, das mit Schlägeln bespielt wird, hat in Rumänien, Ungarn, der Slowakei und Südmähren bis heute eine bedeutende Position. Zu einem typischen Zymbal-Trio gehören eine Violine und ein Kontrabass. Modernere Varianten des Instruments wurden ab 1870 gebaut.

Besonders in den Zigeunerkapellen war die Geige das wichtigste Melodieinstrument, begleitet von einer zweiten Geige, Bratsche, Bass und Zymbal. Typisch für die Zigeunermusik ist auch das Glissando- oder Portamento-Spiel auf der Geige, das Hinüberziehen eines Tones in den nächsten, welches bis heute als Markenzeichen des Zigeunergeigers gilt.

Unterschiede zwischen Dorfmusik und städtischer Musik

Ein entscheidender Unterschied besteht zwischen der authentischen Dorfmusik und der städtischen Musik. Die Stücke im alten Stil wurden üblicherweise von bäuerlichen Amateurmusikern gespielt, meist auf Flöten, Pfeifen oder Dudelsäcken. Diese Musiker spielten meist solo, und die Stücke waren dieselben wie die Vokalstücke – es gab keinen Unterschied zwischen Vokal- und Instrumentalmusik.

Die Musik im neuen Stil hingegen wurde größtenteils von professionellen oder semiprofessionellen Roma-Musikern gespielt, oft in größeren Ensembles. Die städtischen Zigeunerkapellen spielten meistens eine seichtere Art volkstümelnder Kunstmusik, während in ländlichen Gebieten das von Dudelsackpfeifern übernommene Volksmusik-Repertoire erhalten blieb.

Diese musikalische Vielfalt bildete den Nährboden, aus dem später Komponisten wie Liszt, Brahms, Bartók und Kodály schöpfen konnten, um ihre berühmten ungarisch inspirierten Werke zu schaffen.

Zigeunermusik als Brücke zur Kunstmusik

Debrecen 1955 Gypsy Music
Debrecen 1955 Gypsy Music. Foto: Fortepan / Nagy József, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Musik der Roma spielte eine entscheidende Rolle als Verbindung zwischen Volksmusik und klassischer Kunstmusik. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert verwandelten Roma-Musiker einfache Volksmelodien in virtuose Kunstwerke, die später große Komponisten wie Brahms zu ihren ungarischen Tänzen inspirierten.

Was ist Verbunkos?

Der Verbunkos ist ein ungarischer Tanz- und Musikstil, der im 18. Jahrhundert entstand. Der Name leitet sich vom deutschen Wort „werben“ ab, da diese Musik ursprünglich bei der Anwerbung von Soldaten für die österreichisch-ungarische Armee gespielt wurde. Diese Vorführungen bestanden aus mehreren Tänzen – von würdevoll bis jugendlich ausgelassen – begleitet von Musik, die sich in Tempo und Brillanz stetig steigerte.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts löste sich der Verbunkos von seiner militärischen Funktion und entwickelte sich zu einem eigenständigen Musikstil, der maßgeblich durch die charakteristische Vortragsweise der Roma-Musiker geprägt wurde. Dadurch wurde der Verbunkos zur Grundlage des Csárdás, eines typisch ungarischen Tanzes, der weit über Europa hinaus bekannt wurde.

Improvisation und Virtuosität der Zigeunerkapellen

Die Zigeunerkapellen spielten hauptsächlich in der Besetzung Geige, Zymbal und Bass. Ihr Markenzeichen war das Improvisieren über Verbunkos- oder Csárdás-Melodien. Diese Improvisationen folgten einem charakteristischen Muster: Ein langsamer Teil (lassú oder lassan) in punktierten Rhythmen wird von einem schnellen, virtuosen Abschnitt (friss oder friska) abgelöst.

Die große Virtuosität der Roma-Musiker und die Leidenschaft ihres Vortrags machten ihre Musik außerordentlich populär. Der französische Komponist Claude Debussy traf 1910 in Budapest den ungarischen Roma-Musiker Bela Radics und schrieb über dessen Spiel: „Er eröffnet den Seelen jene spezielle Schwermut, die wir nur selten erleben können und entreißt ihnen alle Geheimnisse“.

Die Rolle der Zigeuner im 18. und 19. Jahrhundert

Nicht lange nach der Ankunft der Roma in Ungarn begannen sie, an den renommiertesten königlichen Höfen Musik zu machen. Antonio Bonfini, italienischer Humanist und Dichter, dokumentierte, dass Roma sowohl am Hofe von Beatrice von Aragon als auch am Hofe des Erzbischofs von Esztergom für Unterhaltungsmusik sorgten.

Im 19. Jahrhundert erlebte die Roma-Musik eine besondere Blüte. Die Roma waren in Ungarn weniger gesellschaftlich isoliert als anderswo. Da das Musizieren als Unterhaltung im alten Ungarn oft verachtet wurde, bot sich den Roma hier eine besondere Möglichkeit zur Sicherung ihres Lebensunterhalts. Eine paradoxe Situation entstand: Die außerhalb der Gesellschaft stehenden Roma, die über Jahrhunderte diskriminiert wurden, wurden nun, vor allem in Literatur und Oper, zu einem bewunderten Topos.

Kritik von Bartók an der ‚Zigeunermusik‘

Béla Bartók nahm später eine kritische Haltung gegenüber dem ein, was allgemein als „Zigeunermusik“ bezeichnet wurde. Er schrieb 1931: „Was sie Zigeunermusik nennen, hat nichts mit Zigeunermusik zu tun. Das ist keine Zigeunermusik, sondern ungarische Musik, eine neuere ungarische, volkstümliche Kunstmusik“.

Bartók kritisierte, dass die Roma-Musik „die Bedürfnisse jener befriedige, die über wenig künstlerisches Feingefühl verfügen“ und „dazu bestimmt sei, unentwickelte Musikgeschmäcker zu erfreuen“. Allerdings scheint er sich mit der Zeit über die vermeintliche Bedrohung der ungarischen kulturellen Identität durch Roma-Musiker nicht mehr so sicher gewesen zu sein.

Zigeunermusik als Inspirationsquelle für Komponisten

Die Musik der Roma hatte einen enormen Einfluss auf europäische Komponisten. Bereits Joseph Haydn komponierte „all’ongarese“, wie der Finalsatz seines D-Dur-Klavierkonzerts beweist. In Wien lebende Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert kamen mit dieser Musik in Berührung, da sie in Wien allgegenwärtig war.

Johannes Brahms entwickelte während seines gesamten Lebens eine starke Affinität zum ungarischen Zigeunerstil. Im Alter von nicht einmal zwanzig Jahren wurde er zum Klavierbegleiter des ungarischen Geigenvirtuosen Ede Reményi. Auf Konzertreisen spielten sie Arrangements verschiedener ungarischer Roma-Lieder. Diese Erfahrungen beeinflussten später Brahms‘ berühmte „Ungarische Tänze„, die zu seinen beliebtesten Werken gehören.

Franz Liszt, selbst gebürtiger Ungar, brachte als einer der ersten das Kolorit seiner Heimat in die Kunstmusik ein – seine „Ungarischen Rhapsodien“ erlangten beachtliche Berühmtheit. Er bewunderte die geigenspielenden Roma und hielt sie für die Schöpfer der ungarischen Nationalmusik.

Die Zigeunermusik bildete somit eine bedeutende Brücke zwischen Volksmusik und klassischer Komposition und prägte die europäische Musikgeschichte nachhaltig.

Franz Liszt und die Erfindung der Ungarischen Rhapsodie

Franz Liszt am Klavier
Franz Liszt am Klavier, Foto: Franz Hanfstaengl, Public domain, via Wikimedia Commons

Lange bevor Brahms seine berühmten Ungarischen Tänze schuf, machte Franz Liszt die ungarische Musik in ganz Europa populär. Mit seinen Ungarischen Rhapsodien erschuf er ein völlig neues musikalisches Format, das die Zigeunermusik mit klassischer Virtuosität verband. Die bekannteste unter ihnen, die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in cis-Moll, wurde 1847 komponiert und erstmals 1851 veröffentlicht.

Wie Liszt Zigeunermusik stilisierte

Liszt ließ sich stark von Franz Schuberts Divertissement à l’Hongroise beeinflussen, das ihm als Vorbild für seine Rhapsodien diente. In seinen Werken ahmte er gezielt bestimmte Klangfarben nach – besonders das Zymbal, ein mit kleinen Schlägeln gespieltes Hackbrett, das im slawischen Raum populär war, Durch diese Imitation erschuf er einen hellen, unverwechselbaren Klang, der einen deutlichen Kontrast zu anderen Passagen bildete.

Liszt selbst bezeichnete das Klavier als das Instrument, das „das Gefühl und die Form“ der Kunst von Sinti und Roma am besten „in ihrer Wesenheit wiedergeben konnte“. Durch seine brillanten Klaviertechniken verwandelte er die improvisatorisch anmutenden Melodien in virtuose Kunstwerke, die dennoch ihren ursprünglichen Charakter bewahrten.

Lassan und Friska: Aufbau der Rhapsodien

Die Struktur seiner Rhapsodien orientierte sich am Verbunkos, einem populären ungarischen Tanz, Jede Rhapsodie besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen: dem Lassan und dem Friska (aus dem Ungarischen: lassú – langsam; friss – frisch, schnell).

Der Lassan bildet den ersten, langsamen Teil, der meist noch etwas schwermütig und düster wirkt. In der berühmten Ungarischen Rhapsodie Nr. 2 eröffnen schwere Akkorde das Werk und festigen die Grundtonart. Zum wehmütigen Thema gesellen sich zahlreiche Verzierungen.

Danach folgt die Friska, der bewegtere Teil, der durch ein zartes Motiv eingeleitet wird und sich zusehends zu einem rasanten Ritt mit markanten Rhythmen entwickelt. Hier muss der Pianist die gefährlichsten Klippen meistern – von Doppeloktaven im dreifachen Forte über eine Kadenz bis hin zu Martellato-Oktaven beider Hände im abschließenden Presto.

Liszt und die nationale Identität

Obwohl oft als „ungarischer Komponist“ bezeichnet, war Liszts nationale Identität vielschichtiger. Er verstand sich sowohl als überzeugter Kosmopolit als auch als bekennender ungarischer Patriot.  Diese dialektische Symbiose praktizierte er umso nachdrücklicher, je stärker nationale Partikularismen in Europa Raum griffen.

Mit seinen Ungarischen Rhapsodien setzte Liszt dem Freiheitsdrang seines von Österreich unterdrückten Volkes ein musikalisches Denkmal. Besonders die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 war für ihn weit mehr als bearbeitete Folklore – sie war eine Parteinahme für die ungarische Republik von 1848, die im Folgejahr blutig niedergeschlagen wurde.

Valentina Lisitsa spielt Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 (Youtube, privacy-enhanced mode):

Rezeption seiner Werke in Europa

Die Ungarischen Rhapsodien machten Liszt in ganz Europa berühmt. Besonders die zweite Rhapsodie war bereits kurz nach ihrer Veröffentlichung im Jahre 1851 seine bekannteste. Die mitreißenden Rhythmen und virtuosen Passagen begeisterten das Publikum und inspirierten nachfolgende Komponisten wie Johannes Brahms.

Durch seine Werke machte Liszt die ungarische Musik international bekannt und legte damit den Grundstein für andere Komponisten, die sich später mit diesem Musikstil auseinandersetzten. Mit dem improvisatorischen Charakter auf der einen und den facettenreichen Klängen auf der anderen Seite bemühte sich Liszt, Ungarn in einer größtmöglichen Bandbreite darzustellen.

Johannes Brahms und seine Ungarischen Tänze

Johannes Brahms
Bronzebüste des berühmten deutschen Komponisten Johannes Brahms in Baden-Baden. Foto: Baden de, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Anders als Franz Liszt betrachtete Johannes Brahms sich nicht als Schöpfer, sondern als Bearbeiter der ungarischen Musik, die er zu einigen seiner beliebtesten Werke formte.

Wie Brahms zu den Melodien kam

Brahms kam durch den ungarischen Geiger Eduard Reményi mit der Zigeunermusik in Berührung. Mit ihm unternahm er 1853 seine erste Konzertreise und lernte dabei die charakteristischen ungarischen Melodien und Tonleitern kennen. Diese Begegnung prägte Brahms nachhaltig. Tatsächlich stammten die von ihm verwendeten Themen teilweise von Reményi selbst oder von anderen ungarischen Komponisten dieser Zeit.

Bearbeitung für Klavier und Orchester

Die Ungarischen Tänze entstanden zwischen 1858 und 1869 zunächst für Klavier zu vier Händen. Die ersten zehn wurden 1869 veröffentlicht, die weiteren elf folgten erst 1880. Allerdings schuf Brahms 1872 auch eine Fassung der ersten zehn Tänze für Klavier zu zwei Händen. Für nur drei der Tänze (Nr. 1, 3 und 10) erstellte er selbst Orchesterfassungen, die am 5. Februar 1874 in Leipzig uraufgeführt wurden.

Unterschiede zu Liszt: Brahms als Arrangeur

Im Gegensatz zu Liszt sah sich Brahms nicht als Komponist der Tänze. Dies betonte er ausdrücklich im Titelblatt der Erstausgabe mit dem Hinweis, die Stücke seien nur „für das Pianoforte zu vier Händen gesetzt“. Außerdem verzichtete er bewusst auf eine Opuszahl, um den folkloristischen Ursprung zu unterstreichen. Damit verfolgte Brahms einen völlig anderen Ansatz als Liszt, der eine abweichende Musikvorstellung hatte.

Die Popularität der Tänze bis heute

Die Ungarischen Tänze zählen bis heute zu Brahms‘ beliebtesten und bekanntesten Werken. Besonders die Orchesterfassung des ersten ungarischen Tanzes wird noch immer in vielen Konzertsälen aufgeführt – ein Beweis dafür, dass die Beeinflussung durch die Zigeunermusik nichts von ihrer Ausstrahlung eingebüßt hat. Die mitreißenden Melodien wurden zudem in verschiedenen Filmen verwendet, darunter Charlie Chaplins „Der große Diktator“ und „Bugs Bunny“.

Charlie Chaplin – Der große Diktator – Szene im Friseursalon (Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 5), Youtube

Bartók und Kodály: Die Rückkehr zur Authentizität

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen zwei Komponisten eine musikhistorische Kurskorrektur vor: Béla Bartók und Zoltán Kodály suchten die wahre ungarische Volksmusik fernab der stilisierten Zigeunermelodien, die Brahms und Liszt inspiriert hatten.

Volksliedsammlung als wissenschaftliches Projekt

Mit Phonographen und Wachswalzen ausgestattet, durchstreiften die beiden Freunde ab 1905 entlegene Dörfer in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei und der Türkei. Bartók sammelte in seinem Leben nahezu 10.000 Volkslieder,  während Kodály ein privates Archiv mit tausenden ungarischen Melodien aufbaute.

Integration in moderne Kompositionen

„Diese Bauernmusik weist in der Form höchste Vollendung auf,“ schrieb Bartók, „erstaunlich ist ihre Ausdruckskraft, die dabei völlig frei von Sentimentalität ist“. Beide Komponisten integrierten die archaischen Tonarten und fremdartigen Rhythmen in ihre Werke. Bartók entwickelte daraus seine Sonaten, Orchesterstücke und Streichquartette, während Kodály mit seinem „Psalmus Hungaricus“ und der Suite „Háry János“ berühmt wurde.

Abgrenzung zur romantischen Nationalmusik

Tatsächlich entdeckten sie, dass die echte ungarische Bauernmusik sich stark von der städtischen „Zigeunermusik“ unterschied. Bartók schrieb: „Meine eigentliche Idee ist die Verbrüderung der Völker, trotz allem Krieg und Hader“.

Einfluss auf die Musikpädagogik

Besonders Kodály widmete sich ab Mitte der 1920er Jahre intensiv der Musikerziehung. Seine „Kodály-Methode“ förderte das aktive Singen und Musizieren und wird noch heute international angewendet. Bartók schuf zudem sein pädagogisches Werk „Mikrokosmos“, eine progressive Sammlung von 153 Klavierstücken.

Fazit

Die Reise von den einfachen Zigeunermelodien zu den weltberühmten Meisterwerken ungarischer Musik ist zweifellos faszinierend. Tatsächlich spiegelt sie die komplexe Geschichte und kulturelle Vielfalt Ungarns wider. Von den ursprünglichen Volksliedern mit ihrer charakteristischen Pentatonik bis zu den virtuosen Kompositionen großer Meister zeigt sich ein roter Faden musikalischer Innovation.

Die Zigeunerkapellen spielten dabei eine entscheidende Rolle als Vermittler zwischen Volksmusik und Kunstmusik. Durch ihre Improvisation und Virtuosität verwandelten sie einfache Melodien in kunstvolle musikalische Darbietungen. Daher verwundert es nicht, dass Komponisten wie Liszt und Brahms so stark von ihnen beeinflusst wurden.

Franz Liszt schuf mit seinen Ungarischen Rhapsodien ein völlig neues Format, das nationale Identität ausdrückte und gleichzeitig die europäische Musikwelt begeisterte. Johannes Brahms hingegen sah sich bescheidener als Bearbeiter, nicht als Schöpfer. Trotzdem gehören seine Ungarischen Tänze bis heute zu den beliebtesten klassischen Werken überhaupt.

Bartók und Kodály kehrten schließlich zu den authentischen Wurzeln zurück und entdeckten die wahre ungarische Bauernmusik jenseits der städtischen Zigeunermusik. Ihre wissenschaftliche Herangehensweise führte zu einer neuen musikalischen Sprache, die auch die Musikpädagogik revolutionierte.

Unabhängig vom jeweiligen Ansatz haben alle diese Komponisten dazu beigetragen, ungarische Musik weltweit bekannt zu machen. Die mitreißenden Rhythmen, leidenschaftlichen Melodien und virtuosen Passagen begeistern noch immer Menschen aller Kulturen. Letztendlich beweist die Geschichte der ungarischen Musik eindrucksvoll, wie aus regionalen Traditionen universelle Kunstwerke entstehen können.

FAQs

Q1. Was ist der bekannteste ungarische Tanz?
Der Csárdás gilt als ungarischer Nationaltanz. Er besteht aus einem langsamen Teil (Lassú) und einem schnellen Teil (Friss). Die aufrechte Körperhaltung der Tänzer symbolisiert dabei Stolz.

Q2. Wer komponierte die berühmten Ungarischen Tänze?
Johannes Brahms komponierte die berühmten Ungarischen Tänze. Er wurde durch den ungarischen Geiger Eduard Reményi inspiriert, mit dem er 1853 auf Konzertreise ging und dabei ungarische Melodien und Tonleitern kennenlernte.

Q3. Wie viele Ungarische Tänze hat Brahms komponiert?
Johannes Brahms komponierte insgesamt 21 Ungarische Tänze. Die ersten zehn veröffentlichte er 1869, die restlichen elf folgten 1880. Diese Werke basieren auf ungarischen und Zigeunermelodien sowie eigenen Themen „nach ungarischer Art“.

Q4. Welche Instrumente sind typisch für die ungarische Volksmusik?
In der ungarischen Volksmusik spielen Instrumente wie das Zymbal (ein mit Saiten bespanntes Brett), die Geige und der Kontrabass eine wichtige Rolle. In ländlichen Gebieten waren auch Flöten, Pfeifen und Dudelsäcke verbreitet.

Q5. Wie beeinflussten Bartók und Kodály die ungarische Musik?
Béla Bartók und Zoltán Kodály sammelten Anfang des 20. Jahrhunderts systematisch authentische ungarische Volkslieder. Sie integrierten diese archaischen Melodien und Rhythmen in ihre modernen Kompositionen und entwickelten neue pädagogische Ansätze wie die „Kodály-Methode“ zur Musikerziehung.

Weiterführende Links

Performance characteristics of folk music
Von Volksmusik bis Moderne: Die echte ungarische Musikszene entdecken
Musikalische Bildung. Deutsche, französische und ungarische Traditionen im Überblick (PDF)
Wikipedia: Hungarian Rhapsody No. 2
Hubert Wißkirchen: Ungarische Musik (PDF)
Ungarn, die Wiege der Roma-Musik
Musik der Sinti und Roma
Brahms und die Sinti und Roma
Komponiert „im Zigeunerstil“
Ungarischen Tänze Nr. 1–21
Youtube Videos: Zigeuner Moll

Zigeuner“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/Zigeuner>, abgerufen am 19.01.2026.

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Das Waterphone: Das unbekannte Instrument, das Sie garantiert kennen!

Das Waterphone: Das unbekannte Instrument, das Sie garantiert kennen!

Das Waterphone erzeugt die Klänge der Angst und des Übernatürlichen. Obwohl der Name kaum jemandem geläufig ist, hat fast jeder seinen unheimlichen, wabernden Klang schon einmal gehört – meistens in den spannendsten Momenten, bei den besten Filmen, nicht nur im Kino.
Wir stellen das akustische Wunderwerk vor, das Wasser, Metall und Mystik vereint.

Waterphone
Waterphone

I. Die Geburt des Grusel-Klangs: Geschichte und Aufbau

Das Waterphone (manchmal auch „Ocean Harp“ genannt) ist eine relativ junge Erfindung. Es wurde in den späten 1960er Jahren von dem amerikanischen Musiker und Erfinder Richard Waters entwickelt und 1975 patentiert.

Waters ließ sich von mehreren exotischen und historischen Instrumenten inspirieren:

  • Die tibetische Wassertrommel: Ein Schlaginstrument, das ebenfalls eine kleine Menge Wasser enthält, um den Klang zu beeinflussen.
  • Die Nagelgeige (Nail Violin): Ein historisches Streichinstrument aus dem 18. Jahrhundert, bei dem Metallstäbe (Nägel) auf einem Resonanzboden angebracht sind und mit einem Bogen gestrichen werden.

Waters kombinierte diese Ideen zu einem einzigartigen Idiophon (ein Instrument, das durch Eigenschwingung den Ton erzeugt).

Der faszinierende Aufbau

Das Waterphone besteht aus drei Hauptkomponenten, meist gefertigt aus Edelstahl und Bronze:

  1. Der Resonator: Eine flache, runde Schale aus Edelstahl, die über einen zylindrischen Hals mit Wasser gefüllt werden kann.
  2. Die Klangstäbe: Dutzende unterschiedlich lange Bronzestäbe („Tonal Rods“) sind kreisförmig um den Rand der Schale angebracht. Ihre Länge bestimmt die Grundfrequenzen, wobei das Instrument oft atonale (nicht auf einer klassischen Tonleiter basierende) oder mikrotonale Klänge erzeugt.
  3. Der Hals: Dient als Griff und ist gleichzeitig eine zweite Resonanzkammer.
Alex Wong, of The Animators, playing the w:waterphone at The World Cafe Live in Philadelphia

II. Spielweise: Wenn Wasser die Töne verbiegt

Das Waterphone kann auf vielfältige Weise gespielt werden, die alle seinen einzigartigen, dynamischen Charakter ausmachen:

  • 1. Streichen (Bowing)
    Die häufigste und bekannteste Technik ist das Streichen der Bronzestäbe mit einem Violin- oder Cellobogen. Dies erzeugt lange, schwebende und oft hohe, scharfe Töne.
  • 2. Schlagen (Percussion)
    Die Stäbe oder der Resonator können mit Schlägeln angeschlagen werden (oft Superball-Mallets mit Gummikopf, um weichere, dröhnende Klänge zu erzielen). Dies liefert percussive Effekte von zarten Glocken bis zu metallischen Dröhnen.
  • 3. Der Wasser-Effekt
    Der magische Moment entsteht, wenn der Musiker das Instrument während des Spiels sanft schwenkt oder kippt. Das Wasser im Inneren bewegt sich, verändert die Resonanz und die Dämpfung der Schale und erzeugt dadurch den berühmten Glissando- oder Vibrato-Effekt. Der Ton scheint dadurch zu „wimmern“ oder zu „waben“, was sofort eine gespenstische oder jenseitige Atmosphäre schafft.

III. Vom Horrorfilm zur Heilung: Der Einsatz des Waterphones

Die Anwendungsbereiche des Waterphones sind so vielfältig wie seine Klänge.

Hörbeispiel: Kevin MacLeod: Ghost Story (Ausschnitt), Instrumente: Vibes, Waterphone, Piano, Percussion

Das ganze Stück können Sie auf wikimedia.org anhören und auch herunterladen.

Einsatz in der Filmmusik

Das Waterphone ist ein Standardwerkzeug in Hollywood und gilt als akustisches Synonym für Angst, Mysterium und das Übernatürliche.

  • Mystery und Horror: Es erzeugt sofort Spannung, wenn es um Geister, Außerirdische, tiefe Gewässer oder psychologische Dramen geht. Zu hören ist es in Klassikern wie Poltergeist, The Matrix, Alien, Crouching Tiger, Hidden Dragon und vielen modernen Thrillern und Videospiel-Soundtracks.
  • Dramatische Akzente: Selbst außerhalb von Horrorfilmen wird der Waterphone-Sound oft verwendet, um extreme Spannung oder einen abrupten Schock zu markieren – ein Effekt, der es zu einem berühmten, wenn auch oft unbewusst erkannten, Sound-Gimmick in TV-Shows gemacht hat.

Das Waterphone in der Esoterik und Meditation

Trotz seiner Popularität in gruseligen Kontexten wird das Waterphone auch für das genaue Gegenteil genutzt: zur Entspannung und Klangheilung (Sound Healing).

  • Walfang-Gesänge: Der sanft mit dem Bogen gestrichene und wabernde Waterphone-Klang erinnert stark an die Gesänge der Wale und Delfine. Diese Verbindung zur Tiefsee und zur Natur macht es zu einem beliebten Instrument für meditative Klangreisen.
  • Schwingungen und Resonanz: In der Musiktherapie und Obertonmusik wird das Waterphone aufgrund seiner anhaltenden, vibrationsreichen Klänge eingesetzt, die tiefe Entspannung und Zustände der Kontemplation fördern sollen. Spezielle Waterphones werden teilweise sogar aus Bronze oder Alpaka – Materialien, die auch für Klangschalen verwendet werden – gefertigt.

IV. Weitere interessante Fakten:

  • Die Wal-Verbindung: Es gibt Berichte, dass Richard Waters und andere Musiker das Waterphone erfolgreich unter Wasser eingesetzt haben, um mit Walen und anderen Meeressäugern zu kommunizieren – aufgrund der Ähnlichkeit seines Klangs mit ihren Lauten.
    the waterphone has been used successfully to call whales and other cetaceans, especially by Jim Nollman of Interspecies Communication“ (justapedia.org)
  • Musiker-Liebling: Das Instrument wird nicht nur von Filmkomponisten, sondern auch von avantgardistischen und Rock-Künstlern geschätzt, darunter beispielsweise Tom Waits und die isländische Sängerin Björk (Videos auf TicToc).
  • Moderne Innovation: Der Erfinder Richard Waters stellte jedes Waterphone ursprünglich in Handarbeit her. Heute gibt es moderne Varianten wie das „Scala Vilagio“ (hergestellt in Deutschland, erhältlich bei Thomann, s.u.) oder das „Sailophone“, die mit gebogenen Stäben oder Doppelkammern neue, noch tiefere und resonantere Klangfarben ermöglichen.

Das Waterphone ist somit weit mehr als ein einfacher „Grusel-Soundeffekt“. Es ist ein vielseitiges, akustisches Instrument, das die kreativen Möglichkeiten des Klanges neu definiert.

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